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Vincent van Gogh - Der gute Samariter

vor 10 Minuten
3 Min. Lesezeit

von Alexandra Tuschka


Eine gute Frage, die der Gesetzeslehrer Jesus da stellt: Wie erlange ich ewiges Leben? Jesu Antwort: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. So leicht, so gut, aber „Wer ist mein Nächster?“, will der Neugierige wissen. Im Evangelium des Lukas können wir nun von dem Gleichnis des guten Samariters hören.

Ein Mann wird auf dem Weg nach Jericho von Räubern überfallen und schwer verletzt liegen gelassen.

Ein Priester und ein Levit sehen ihn, gehen aber vorbei.

Ein Samariter – ein Fremder aus dem von vielen Juden verachteten Samarien – hilft dem Verletzten: Er verbindet seine Wunden, bringt ihn in eine Herberge und bezahlt für seine Versorgung.

Jesus fragt: „Wer hat als Nächster gehandelt?“Der Gesetzeslehrer antwortet: „Der, der Barmherzigkeit gezeigt hat.“Jesus schließt: „Dann geh und handle ebenso!“


Das einfache Gleichnis wurde in der bildenden Kunst häufig dargestellt, bildet es doch eine leicht verständliche Mahnung an den Betrachter, es dem Samariter gleichzutun. So kurz und knapp das Gleichnis erzählt ist, so können hier verschiedene Momente der Geschichte auf einer Leinwand plausibel zusammenfallen. Vorne sieht man typischerweise das verletzte und entkleidete Opfer, das vom Samariter verbunden und versorgt wird. Der Esel ist oft dabei, manchmal sieht man noch ein oder zwei Hunde. Die Szene wird von europäischen Künstlern oft in eine heimische Waldlichtung versetzt, auf der der Verletzte exponiert liegt. Wer hier behauptet, diesen nicht gesehen zu haben, macht sich unglaubwürdig. Häufig sieht man die zwei Männer, die zuerst vorbeigingen, noch im Hintergrund als Rückenfiguren. Manchmal beide, manchmal nur einen als Stellvertreter.

Delacroix wählt die Szene, in welcher der Samariter mit einiger Mühe den Verletzten auf den Esel hievt. Im Hintergrund, undeutlicher, sieht man eine Gestalt weggehen, die demonstrativ in ein Buch schaut. Schon fast über alle Berge ist dann auch noch der andere zu erkennen.

An dem 1849 entstandenen Bild ist der typische lebendige und farbenfrohe Pinselstrich Delacroix’ gut erkennbar, dennoch wirkt die Gesamtstimmung recht düster. Das Gemälde entstand in einer Zeit großer gesellschaftlicher und politischer Umbrüche in Europa. Vor diesem Hintergrund lässt es sich als Mahnung zu Mitgefühl angesichts von Ungerechtigkeit lesen. Ob Delacroix damit konkret auf die politischen Verhältnisse reagieren wollte, bleibt jedoch offen.

Ganz anders wirkt das Anfang Mai 1890 entstandene Gemälde van Goghs, heute im Kröller-Müller Museum, das Delacroix’ Komposition aufgreift. Van Goghs unmittelbare Vorlage war eine Schwarzweiß-Lithografie von Jules Laurens nach Delacroix. Die Farbgestaltung musste er selbst entwickeln. Gerade darin liegt die Eigenständigkeit seiner Fassung: Blau und Violett treten gegen Gelb, Rot gegen Grün; kräftige Konturen und wellenförmige Pinselzüge geben der Szene eine vibrierende Spannung, lassen aber wenig Tiefenraum entstehen. Van Gogh malte das Bild während seines Aufenthalts in Saint-Rémy, nach einer erneuten schweren gesundheitlichen Krise. Seine Wahl des Motivs lässt sich vor allem als Auseinandersetzung mit eigener Hilfsbedürftigkeit und der Erfahrung von Fürsorge verstehen.


Daran schließt die mögliche Verbindung zu seinem Bruder Theo an: Wie der Samariter dem Verletzten stand Theo Vincent beständig bei. Das Kröller-Müller Museum schlägt deshalb vor, das Bild auch als Anspielung auf diese Unterstützung zu lesen. Eine eindeutige Gleichsetzung der Figuren mit den Brüdern lässt sich jedoch nicht nachweisen.


Zugleich bedeutete die Beschäftigung mit Delacroix für van Gogh selbst Trost. Schon im September 1889 erklärte er Theo, dass ihm das Malen nach Werken bewunderter Künstler während seiner Krankheit helfe. Er verglich diese Arbeit mit der persönlichen Interpretation eines Musikstücks. So lässt sich seine Wahl des Motivs mit zwei Formen von Beistand verbinden: der menschlichen Hilfe innerhalb der dargestellten Geschichte und dem Halt, den van Gogh in der Kunst fand.


Unbekannter Künstler – Der barmherzige Samariter

Öl auf Holz, zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts (1551–1600), 126,5 × 98 cm (Gesamtmaße), Museum Sint-Janshospitaal, Brügge.


Eugène Delacroix – Der barmherzige Samariter

Öl auf Leinwand, 1849, 37 × 30 cm, Privatsammlung.


Vincent van Gogh – Der barmherzige Samariter (nach Delacroix)

Öl auf Leinwand, Anfang Mai 1890, 73 × 59,5 cm, Kröller-Müller Museum, Otterlo.

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