William Holman Hunt – The Awakening Conscience

von Sarah Baur

Der präraffaelitische Künstler William Holman Hunt (1827 – 1919) wurde von einem Vers aus dem Buch der Sprichworte (25.20) für sein Werk The Awakening Conscience inspiriert. Dieser wurde auch auf dem Bildrahmen eingraviert: "As he that taketh away a garment in cold weather, so is he that singeth songs to an heavy heart." (frei übersetzt: "Wie der, der bei kaltem Wetter ein Kleidungsstück wegnimmt, so ist der, der mit schwerem Herzen Lieder singt.")


Was hier auf den ersten Blick nach dem Alltag eines Ehepaares in den heimischen vier Wänden aussieht, dem liegt doch ein ganz anderes Sujet zu Grunde. Bei genauer Betrachtung der unzähligen symbolischen Details, die im Bild zu finden sind, entpuppt sich nämlich eine moralische Nachricht über ein soziales Problem, das nicht zuletzt schon in Hunts gewähltem Rahmenzitat anklingt.


Der Künstler stellt hier das Treffen zwischen einem Mann und seiner Mätresse in einer extra dafür vorgesehenen Räumlichkeit dar. Für einen authentischen Eindruck mietete Hunt hierfür ein Zimmer in einem solchen „maison de convenance“ an. Der Raum ist (über-)gefüllt mit glänzend polierten Möbeln und vergoldeten Dekor-Objekten, Bildern und verschiedenen reichen Mustern an Wänden und Decken, so dass alles zu überladen wirkt. Gerade dieses grellbunte und kitschige Interieur entspricht tatsächlich nicht dem gewöhnlichen viktorianischen Familienheim und so war der Zweck des Zimmers daher besonders für Zeitgenossen schnell zu erkennen.

Im Zentrum der Szene sitzt ein junger Mann am Klavier, von dessen Schoß sich gerade eine junge dunkelblonde Frau aufrichtet. Die missliche Lage der jungen Frau und ihr Mätressen-Status lassen sich in vielerlei symbolischen Elementen deuten: Ihre zusammengehaltenen Hände sind so positioniert, dass sie den Betrachter erkennen lassen, dass sie zwar allerlei Ringe trägt, jedoch keinen Ehering. Im Schatten am Boden spielt eine Katze gerade mit ihrer Beute – einem Vogel mit scheinbar gebrochenem Flügel. Rechts im Vordergrund hängen die verhedderten Fäden einer Bildwirkerei auf den Boden. Daneben ein unachtsam hingeworfener Handschuh, der nahe legt, dass auch die junge Frau bald von ihrem Liebhaber fallen gelassen und der Saum ihres hellen Kleides bald durch den Dreck der Straße beschmutzt werden könnte. Auffällig ist auch das bunte Tuch, das um die ihre Hüfte gebunden ist. Zum einen bedeckt es so zwar ihre Scham auf beschützende Weise, doch gleichzeitig unterstreicht er diese durch die Positionierung auf dem sonst einfarbigen Kleid. Auf der anderen Seite am Boden ist ein Notenblatt zu Alfred Lord Tennysons "Tears, Idle Tears" zu erkennen und am Klavier die Noten zu Thomas Moores "Oft in the Stilly Night"– ein trauriges Lied, das von versäumten Möglichkeiten handelt.

Annie Miller, die damalige Freundin von Hunt und ein beliebtes Modell unter den Präraffaeliten, stand hier für die Mätresse Modell. Mit aufgerissenen Augen blickt diese geradeaus am Betrachter vorbei und scheint eine spirituelle Offenbarung zu haben. Dass ihr Blick sich durchs offene Fenster in die Natur richtet, erkennt man in der Spiegelung hinter ihr, mit der Hunt den Bildraum überschreitet und so den Handlungsraum erweitert. Der Spiegel wird zu einem Bild im Bild, das die transzendentale Realität überwindet. Allein diese Art der Darstellung, die mit der Wahrnehmung des Betrachters spielt, weckt Interesse für das Sujet. Die Mätresse scheint in diesem Moment zu erwachen und den irreversiblen Fehlentschluss zu diesem Leben zu bereuen. Die Spiegelung hinter ihr könnte ihre verlorene Unschuld andeuten und dem gegenüber der Lichteinfall im unteren Bildvordergrund ein Zeichen für eine mögliche Erlösung sein. Die Verwendung des Spiegels dient hier also auch der Übermittlung ethischer Botschaften. Durch den Blick in die Außenwelt kommt sie zur inneren Einsicht, aus ihrer Situation ausbrechen zu wollen.


Hunt stellt in diesem Werk deutlich geschlechtsspezifische Unterschiede der viktorianischen Gesellschaft dar und zeigt die damit verbundene Doppelmoral der sexuellen Freiheiten, die dem einen gewährt, der anderen untersagt, bzw. missbilligt wurde.


„The Awakening Conscience“ sollte laut Hunt selbst als eine Art materielles Gegenstück zu seinem ersten christlichen Werk „The Light of the World“ gesehen werden. Auch hier begleitet ein Vers das Bild: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir.“(Offenbarung des Johannes 3,20). Das Werk zeigt Jesus mit einer Laterne, wie er an eine zugewucherte Tür ohne Klinke klopft. Die Tür symbolisiert hierbei für Hunt den „stur geschlossenen Geist“ ("the obstinately shut mind") der nur von innen geöffnet werden kann. Auf der anderen Seite der Tür also soll "The Awakening Conscience" zeigen, wie der Reiz des Geistes himmlischer Liebe eine verlorene Seele inspiriert, sich von ihrem missglückten Leben abzuwenden. Dieser Gedanke wird bei der Mätresse wohl durch die Melancholie des Musikstückes ausgelöst. Hört sie nun das Klopfen als sie zum Fensterhinaus blickt?


William Holman Hunt – The Awakening Conscience

Öl auf Leinwand, 1853, 76 x 56 cm, Tate Britain, London


William Holman Hunt - The Light of the world

Öl auf Leinwand, ca. 1851-56, 49,8 x 26,1 cm, Manchester Art Gallery


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