Raffael - Portrait Papst Julius II.

von Carina Stegerwald


Das Städelmuseum in Frankfurt erhebt seit einigen Jahren den Anspruch darauf, eine von Raffael geschaffene Version des Portraits Papst Julius II. zu besitzen. Auch andere Museen kämpften lange darum, zur Gruppe der vom Künstler selbst gemalten Papst-Portraits zu gehören. Doch warum dieser Wirbel um das Bild? Gut, es geht um Raffael. Und dennoch: Handelt es sich hier nicht um irgendein beliebiges Werk des Malers? Warum diese Frage verneint werden kann und weshalb es sich tatsächlich um ein außergewöhnliches, vielschichtiges und durchaus geheimnisvolles Gemälde handelt, wollen wir uns im Folgenden näher anschauen. Dabei werden wir jenes Gemälde betrachten, das 1511 geschaffen wurde und sich in der National Gallery in London befindet, da dieses Werk heute von der Forschung mehrheitlich als das Original unter den verschiedenen Versionen angesehen wird.

Raffaels Portrait Papst Julius II. zeigt Julius II., der mit bürgerlichem Namen Giuliano della Rovere hieß und von 1443 bis 1513 lebte. Zum Oberhaupt der katholischen Kirche wurde er 1503 gewählt, so dass er zu diesem Zeitpunkt bereits ein Mann im fortgeschrittenen Alter war. Sein Pontifikat wurde einerseits von seiner Rolle als italienischer Territorialfürst – er galt als mächtiger Kriegsherr und wurde aufgrund seines rücksichtslosen Vorgehens auch papa terribile genannt – sowie andererseits von seinem großen Mäzenatentum geprägt. So holte er viele Künstler, darunter auch Raffael, nach Rom. Eines der Werke, die der Künstler in jener Zeit schuf, war das Portrait Papst Julius II., welches das Kirchenoberhaupt in Dreiviertelansicht vor einem grünen Hintergrund abbildet. Der Portraitierte sitzt dabei auf dem leicht diagonal zum Betrachter gestellten Zeremonienstuhl, der Sedia camerale. Ein interessantes Detail stellen dabei die großen goldenen Knäufe des Stuhls dar, welche als Eicheln gestaltet sind und damit auf den Namen und das Wappen der Familie della Rovere hinweisen. Auf der glänzenden Oberfläche spiegeln sich Licht und Farben der Umgebung wider. So ist beispielsweise am linken Knauf eine helle Fläche zu sehen, die von einigen als Tür im Hintergrund der Szene interpretiert wird. Ist euch das bereits aufgefallen? Bekleidet ist der Papst mit einer weißen Albe – dem Untergewand –, einer roten Mozetta – so nennt man die enge, mit Hermelinfell gefütterte und umrandete Mütze – sowie einem ebenfalls rotem Camauro, womit der kurze Schulterumhang gemeint ist. Vor allem bei der Kleidung wird deutlich, wie faszinierend haptisch und realistisch wirkend Raffael die verschiedenen Oberflächen respektive Materialien festhielt und sich auch die Wirkung der Farben zunutze machte.


Das Portrait ist so angelegt, dass der Betrachter dem thronenden Pontifex auf Augenhöhe begegnet. Julius II. scheint uns Audienz zu gewähren, wobei er jedoch in sich versunken und beinahe abwesend wirkt. Seine Arme, dessen Hände mit wertvollen Ringen an den Fingern geschmückt sind, hat der Pontifex auf den Stuhllehnen abgelegt. Während er in der rechten Hand ein Zeremonientüchlein festhält, umschließt er mit der linken die Armlehne, wobei es beinahe so aussieht, als klammere sich der Papst daran. Besonders spannend ist die Darstellung der Haut, die man als physiognomisch realistisch beschreiben kann. Dabei wirkt das Inkarnat an den Händen sehr blass und beinahe durchscheinend. Auf diese Weise ergeben sich deutliche Unterschiede zum Gesicht, das wesentlich dunkler und vom Leben gezeichnet wirkt. Dieser Eindruck wird insbesondere durch die schlaff herunterhängenden Wangen und die tiefliegenden Augenhöhlen verstärkt. Daneben drücken das gesenkte Haupt und der heruntergezogene Mund mit den verschlossenen Lippen Resignation, Müdigkeit und möglicherweise auch Bitterkeit aus. Der lange, weiße Bart und die buschigen, wilden Augenbrauen bilden einen Rahmen und wirken zusammen mit der großen Nase als charakteristische Merkmale des Gesichts.

Anders als der Betrachter auf den ersten Blick vielleicht meinen mag, haben wir es bei dem Portrait Papst Julius II. mit einer sehr komplexen Ikonografie zu tun, wobei dies unter anderem am Bart festzumachen ist. Tatsächlich war ein Bart zu jener Zeit – allen voran bei Priestern und Päpsten – unüblich und es sind die politischen Geschehnisse der Zeit, welche eine Erklärung für die Gesichtsbehaarung des Papstes liefern. Denn nach seiner Niederlage gegen den französischen König Ludwig XII. ließ sich der Papst 1510 einen Bart wachsen. Dabei schwor er, sich erst wieder zu rasieren, wenn Italien frei von Besatzern sei. Somit ist die Gesichtsbehaarung, wie sie in dem Portrait von Raffael festgehalten wurde, als ein Symbol der gescheiterten Politik des Kirchenoberhaupts zu sehen. 1512 schien sich die politische Situation schließlich zu bessern, so dass der Bart wieder verschwand. Interessant ist jedoch, dass es gerade die Gemälde des bärtigen Julius II. sind, welche die Vorstellung von seinem äußeren Erscheinungsbild am nachhaltigsten prägten.


Damit geht auch die Frage einher, ob es sich bei dem von Raffael gemalten Bildnis um ein Staatsportrait handelt, als welches es häufig zitiert und kopiert wurde. Dafür spricht zumindest, dass ein Herrscherbild auf Vervielfältigung angelegt war und sich dadurch die diversen Varianten des Gemäldes erklären lassen würden. Doch war es wirklich als Staatsportrait gedacht? Für die meisten Betrachter mag der alte Mann wenig an den mächtigen und oft jähzornigen Papst erinnern, wie dieser immer wieder beschrieben wurde. Möglicherweise ist es jedoch gerade diese Darstellungsweise, die das Propagandistische des Bildes ausmacht. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass es sich um eine bewusste Inszenierung handelt, bei der sich Julius II. seiner Aufgabe als Papst entsprechend nicht nur als Führer der römisch-katholischen Kirche darstellen ließ, sondern auch als Vorbild für die Gläubigen und somit als guter Christ. Beachtet man weiterhin, dass das Gemälde wohl ursprünglich in einer Kirche als Pendantbild zu einer Madonna hing, lässt sich das Portrait von Julius II. unter einem ganz neuen Aspekt betrachten. Diese doppelte Inszenierung würde zumindest die widersprüchliche Kombination von privaten und offiziellen Komponenten erklären, die auf diese Weise eine große Wirkung bei den Betrachtern erzielte und es bis heute noch immer tut. Denn in jedem Fall ist es Raffael gelungen, ein äußerst bewegendes Portrait von Julius II. anzufertigen.


An dieser Stelle wollen wir uns noch einmal die grüne Wand im Hintergrund des Gemäldes anschauen. Es ist vor allem jenes intensive, mit etlichen Schattierungen versehene Grün – gerade im Kontrast zu den satten Rottönen der Kleidung des Papstes –, das uns als Betrachter nahezu magisch anzuziehen scheint. Zur besonderen Wirkung der Wand tragen zudem die heraldischen Motive, also die Wappen, bei, welche erst nach genauerem Hinsehen zu erkennen sind. Hattet ihr sie schon entdeckt? Interessant ist nun, dass der Hintergrund ursprünglich nicht unifarben grün sein sollte. Stattdessen war die Wand zunächst mit drei verschiedenen Wappen verziert sowie in blau und gold-gelb gehalten. Es ist jedoch kaum zu glauben, dass diese extrem bunte Gestaltung mit der plakativen Wirkung tatsächlich von Raffael vorgenomme