Lucas Cranach d. Ä. - Adam und Eva

von Frauke Maria Petry


An apple one day keeps Eden away


Das Sujet von „Adam und Eva“ ist wahrscheinlich eines der beliebtesten in der Kunstwelt. Es gibt fast keinen Kunstschaffenden, der sich der Thematik nicht gewidmet hat. Damit ist das Motiv stets Untertan sozio-historischer Kontexte und vermittelt so unterschiedliche Botschaften. Im Mittelalter noch als traditionell bildhafte Übersetzung der Bibelvorlage, wird das Motiv heute mit kritischer Haltung gegenüber der patriarchalen Gesellschaftslegitimation aufgegriffen. Ein Künstler, der das Motiv selbst in Vielzahl reproduzierte und gleichermaßen Zeugnisse der Umbrüche seiner Zeit schuf, ist Lucas Cranach der Ältere (1472–1553):


Eine Version namens „Adam und Eva“ befindet sich im Courtauld Institute of Art, London und ist ein 1526 entstandenes Ölgemälde. Auf der 117 x 80 cm großen Ahornholz-Platte befindet sich das erste Menschenpaar im Garten Eden. Ein Baum mit roten Früchten teilt das Bild vertikal in zwei Hälften. Die Baumkrone ist am oberen Bildrand leicht angeschnitten, in der Mitte – am Ansatz der Äste – hängt eine blaue Schlange, die sich zu Eva herabbeugt. Diese steht rechts vom Stamm und leicht gedreht im Kontrapost in Richtung Adam, der sich links vom Baumstamm befindet (ebenfalls im Kontrapost). Er wendet sich seinerseits wiederum Eva zu. Beide sind nackt, doch werden ihre Intimbereiche von Weinblättern verdeckt, deren Reben am Baum hochranken. Die Frau trägt ihr langes, blondes Lockenhaar offen. Mit ihrer Linken zieht sie einen Ast herab, dessen Ende mit roten Früchten bestückt ist. Mit der rechten Hand reicht Eva einen Apfel, den Adam zeitgleich ergreift. Sein linker Ellenbogen lehnt am Baumstamm; mit der Hand fasst er sich grübelnd an den Lockenkopf. Die beiden Protagonist*innen sind von Tieren umgeben, die auf der Wiese grasen oder liegen. Hirsch, Reh, Schaf, Rebhühner, Reiher, Wildschwein, Löwe und Pferd leben friedlich nebeneinander.

Lucas Cranach der Ältere fertigte das Werk 1526 an, oder ließ es anfertigen. Denn in dieser Zeit florierte bereits seine Werkstatt in Wittenberg. Lucas aus dem oberfränkischen Kronach wurde 1505 von Friedrich III. (der Weise) in die kulturell aufstrebende Stadt Bayerns berufen und diente dort als Hofmaler unter zwei weiteren Herzogen (Johann der Beständige und Johann Friedrich der Großmütige). Als er 1508 vom Kurfürsten einen Wappenbrief erhielt, wurde die geflügelte Schlange mit Rubinring im Maul die Signatur des Künstlers beziehungsweise zur Marke der Werkstatt. Durch standardisierte Arbeitsabläufe und Arbeitsteilung wurden Bilder und Drucke seriell nach Vorlagen des Meisters hergestellt und durch erschwingliche Preise einer erhöhten Nachfrage u.a. im Bürgertum gerecht. Daher bestehen mehrere Versionen eines Themas in minimalen Abwandlungen. Von den etwa 5.000 Gemälden, die weiter unter Lucas Cranach dem Jüngeren entstanden, sind heute noch ca. 1.500 erhalten. Doch die Hände lassen sich kaum scheiden, d.h. die Autorenschaft ist oft schwer identifizierbar.


Cranach der Ältere wurde bald zum reichsten und einflussreichsten Bürger der Stadt Wittenberg. Er führte neben der Werkstatt mit Druckerei, eine Weinschenke und Apotheke. Der Erfolg des Künstlers war nicht nur von seinem unternehmerischen Talent geprägt, sondern vor allem durch das Zeitgeschehen: Der Franke war gut befreundet mit Martin Luther, der 1519 seine 95 Thesen an die Schlosskirche Wittenbergs nagelte. Cranach wurde fortan zum Maler der Reformation, der die Gestaltung von Propagandablättern sowie die Kosten für Luthers Bibelübersetzung übernahm. Doch das hielt ihn nicht davon ab, weiterhin neben höfischen und bürgerlichen Aufträgen auch römisch-kirchliche anzunehmen.


Cranach war sich auch eines weiteren lukrativen Geschäftszweigs bewusst: der der Weibermacht. Wie diese Zeit von Humanismus, Renaissance und Reformation geprägt war, so verschoben sich auch die Grenzen der Tabuthemen. In der Frührenaissance boten Mythen und Bibel erste Möglichkeiten der Aktmalerei. Es kam die Erfindung der verführerischen Frau auf – Jahrhunderte später auch ‚femme fatale‘ (französisch für ‚verhängnisvolle Frau‘) genannt. Cranach wusste sozusagen „sex sells“ und die Frauenfiguren wurden fortan in ihrer Nacktheit objektiviert. Da Eva angeblich die Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies und der Erbsünde trägt, wird sie zum Prototyp der Weibermacht und die Sexualität der Frau durchgängig zur teuflischen Sünde erklärt.


Laut biblischer Vorlage wurde Eva von der Schlange dazu verleitet, von der Frucht der Erkenntnis zu essen. Das Zureden der Schlange – der Form eines Penis nicht unähnlich – ist dabei als sexuelle Avance zu verstehen. Anschließend verführt Eva Adam zu selbiger Tat. Zur Strafe muss der Mann fortwährend den harten Boden beackern und die Frau unter großen Schmerzen Kinder gebären. Die Mutter allen Lebens aß von dem Baum, der „dazu verlockte, klug zu werden“ (Die Bibel, Genesis 3,6).


Zur Zeit Cranachs wurde die Theologie im Bild ausgelegt und der Hofmaler war einer Ikonographie im Dienste der Kirche verbunden. Doch machte die Kunst in dieser Zeit auch einen Wandel durch und der Werkstadtstil wurde von reformatorischen Ansichten beeinflusst, die unter anderem die Erbsünde neu auslegen. In der Malerei Cranachs wurden monochrome oder kulissenartige Hintergründe durch realistische Naturdarstellungen ersetzt. Auch geht das Schönheitsideal nicht auf italienische Renaissancevorbilder, sondern auf die internationale Gotikmalerei zurück. Adam und Eva haben einen natürlicheren Körperbau als es der klassischen Antike entsprechen würde. Die vorliegende Darstellung ist vor allem von christlichen Tiersymbolen geprägt:


Reh und Hirsch sind Zeichen des wehrlosen und auferstandenen Christus. Ebenso ist das Pferd, welches sich weit hinten in der rechten Bildhälfte befindet, ein Christussymbol. So stehen sich hier der alte Menschentypus Adam und der neue Adam in Form des Erlösers gegenüber. Die Darstellung verweist auf die Forstführung des Narrativs – die Rettung der Menschheit durch Jesus, der im Kreuztod dem Willen des Vaters gehorsam folgt. Das Schaf macht dies nicht zuletzt in Verbindung mit dem Satz „Der Herr ist mein Hirte“ (Psalm 23, V.1) deutlich. Die Vögel stehen zwischen dem Menschenpaar und für Reinheit, Frömmigkeit, Auferstehung und das liebende Paar. Die rechte Bildhälfte ist etwas diffiziler in ihrer Ikonographie: Das Wildschwein ist einerseits Antagonist des Lammes und symbolisiert den Antichristen, während der Löwe im Gegensatz zum Hirsch den Teufel personifiziert. Andererseits könnte das Wildschein als Gerechtigkeit, Unabhängigkeit und Mut ausgelegt werden und der Löwe abermals als Symbol für Jesus. Beide Deutungen wären im Sinne der protestantischen Kirche auf der Bildseite Evas denkbar.


Die Geschichte von Adam und Eva als die Schöpfungsgeschichte von Mann und Frau wurde Jahrhunderte lang missbraucht, um die physische, intellektuelle und sittliche Minderwertigkeit der Frau zu propagieren. Der traditionellen Deutung könnte jedoch entgegnet werden, dass die neugierige Eva den Mut hatte, sich zu widersetzen und selbstständig zu denken. Laut Bibel lernen beide Geschlechter erst danach sich selbst und die Freude am Wissen kennen. Die Erzählung begründet quasi die intellektuelle Selbstständigkeit der Menschheit – eine Auslegung, die den aufkommenden Gedanken des deutschen Humanismus nicht widersprechen würde. Cranach war ein Kind des Mittelalters, das sich in die Renaissance begab. Er entsprach als Maler, Grafiker, Buchdrucker, Politiker und Unternehmer den Idealen eines Mannes dieser Zeit.


Lucas Cranach d. Ä. - Adam und Eva

1526, Öl auf Ahornholz, 117,0 cm x 80 cm, Courtauld Institute of Art, London