Gustav Klimt - Tod und Leben

von Alexandra Tuschka

Mit einer Keule bewaffnet nähert sich der Tod - hier klassisch als Skelett dargestellt - einer umschlungenen Menschengruppe aller Altersklassen. Er scheint zu grinsen und von den anderen kaum bemerkt zu werden. Nur eine Frau hat die Augen aufgerissen; wie im Wahn schaut sie herüber. Eine weitere Dame mit einem Baby sticht ins Auge. Sie hält dieses liebevoll und behutsam. Das Kind wiederum ist ungewöhnlich am Brustkorb überstreckt. Weiterhin sehen wir darunter das Gesicht einer älteren Dame mit Kopftuch; rechts daneben zwei junge Mädchen und unten ein Liebespaar, beide begraben ihre Gesichter. Und dann - bei genauerem Hinsehen - versteckt sich in den Ornamenten noch ein weiteres Mädchen auf der Mittelachse links. Umhüllt sind die Personen - Klimt typisch - mit allerlei Ornamentflächen. Patchworkhaft mutet dies an, vermittelt aber durch die freundlichen Farben und Formen einen wohligen Eindruck. Hingegen hat der Tod ein Gewand mit lauter Kreuzen an. Diese sind schwarz und in verschiedenen Größen. Sein Gewand setzt sich weiterhin aus Blau-, Lila - und Grüntönen zusammen. wie ein wandelnder Friedhof könnte man dies lesen. Die dunkleren Flächen, welche die Leerstellen ausfüllen, waren einst mit goldener Farbe ausgeführt.

Klimt malte dieses Werk 1910 in Öl, nachdem er bereits seit 1908 Skizzen zum Thema anfertigte. Bis 1911 sprechen wir von seiner "goldenen Phase", in welcher der Maler oft und reichlich Blattgold verwendete und die bis heute sein Markenzeichen sind. In Rom erhielt er 1911 bei der internationalen Kunstausstellung in Rom sehr passend die "goldene Medaille". Warum Klimt seinen Stil so drastisch änderte und später weitestgehend auf Gold verzichtete, ist nicht genau bekannt. Dieses Werk steht für dieses Wandel, da das Gold dem dumpfen Grau weichen musste.


Auffällig, aber nicht ungewöhnlich, dass fast alle Figuren die Augen schließen; sie sind introvertiert - schauen "nach innen". Das in Wien entstandene Werk könnte damit im gedanklichen Zusammenhang mit den Freudschen Lehren stehen, demnach unsere Traumwelten von ungeheuer Bedeutung sind. Aber auch bei vielen anderen Werken des Künstlers finden wir dieses Motiv. Es zeigt nicht zwangsläufig das Schlafen bzw. Träumen an, sondern in vielen Werken auch eine Verbundenheit, Innigkeit und Hingabe - auch im Wachzustand.

So sieht man in dem thematisch verwandten Bild "Die drei Lebensalter einer Frau" ähnliche Posen: das zueinander-geneigte, in der Umarmung ruhende, die geschlossenen Augen. Thematisch ist dieses Thema durchaus kein Novum, sondern in seiner Tradition bis ins Mittelalter zurückreichend. Der "Totentanz" waren in Zeiten der krassen sozialen Unterschiede ein beliebtes Motiv, um daran zu erinnern, dass nach dem Tod alle Menschen gleich sind. Auch Hans Baldung Grien, im 15. Jahrhundert geboren, widmete sich diesem Thema ausgiebig.


Eine schöne junge Frau ist links zu sehen, daneben ihr Ebenbild in alt, am Boden liegt ein Kind und der Tod, mit seinem Attribut der Sanduhr erinnert an die Vergänglichkeit allen Lebens. Seine zerbrochene Lanze deutet an, dass auch das Leben die Macht hat, den Tod einzuschränken; durch seine ewige Wiederkehr.

Wie bei vielen anderen Werken des Künstlers finden wir mit den Maße 178 x 198 cm nahezu ein Quadrat vor, ein durchaus in der Kunst ungewöhnliches Format. Zieht man die Mittelachse, wird auch klar, wie deutlich diese Gegenüberstellung aussieht. Ist diesem Tod zu entrinnen? Dass bei "Tod und Leben" nicht ein und dieselbe Person gemeint sein kann, schließt schon die Anwesenheit des Mannes aus. Er hat dunklere Haut und wird auch durch seine Muskeln als dieser ausgewiesen. Daher kann man die Menschengruppe eher symbolisch als "alle Menschen" zusammenfassen, womit die Bildbotschaft allgemeingültig wird. Wieso aber überhaupt ein solches Bildthema wählen? War im Mittelalter eine ständig wiederholte Mahnung "Bedenke, dass du sterblich bist.", muss man bedenken, dass dieses Werk bereits in den Wirren des 1. Weltkrieges entstand. Nicht wenige, auch Malerkollegen, ließen hier ihre Gesundheit oder ihr Leben. Die Heimtücke des Todes, der Menschen auseinanderreißt; der immer zugegen ist, auch in den besten Stunden und in Liebesbeziehungen; wird hier drastisch deutlich. So ist womöglich auch das irre-dreinschauende Mädchen zu deuten, sie scheint fast magisch vom dunklen Wesen angezogen zu sein, oder ihn willkommen zu heißen. Denn auch eine Kriegseuphorie war allgegenwärtig und nicht selten wahnhaft. Und auch eine gewisse Todessehnsucht ist vielen Menschen - vielleicht auch Klimt? - nicht fremd.


Gustav Klimt - Tod und Leben

Öl auf Leinwand, 1915, 178 x 198 cm, Leopoldina, Wien


Gustav Klimt - Die drei Lebensalter der Frau

Öl auf Leinwand, 1905, 1,8 m x 1,8 m, Galleria Nazionale d'Arte Moderna, Rom


Hans Baldung Grien - Der Tod und das Mädchen

Öl auf Holz, zwischen 1541 und 1544, 151,0 x 61,0 cm, Museo de Prado, Madrid