Jan Vermeer - Das Mädchen mit dem Perlenohrring

von Anne Mrosowksi und Alexandra Tuschka


Das einfühlsame Portrait zeigt ein Mädchen vor einem dunklen Hintergrund. Sie ist in einer Bewegung zu sehen, die sich zwischen Zu- und Abwenden nicht entscheiden kann. Vermeer friert, wie so oft, diesen Zwischenmoment meisterhaft ein.​

Das Portrait endet kurz unterhalb der Schulterpartie. Das Mädchen trägt eine senf-farbene Jacke, mit weißem Kragen und einen blauen Turban aus dem ein langes, gelbes Tuch herabfällt. Das Gesicht ist freundlich, die großen Augen wach. Ihre Lippen sind benetzt und leicht geöffnet – womöglich möchte sie etwas sagen oder dem männlichen Betrachter ihr Interesse bekunden. Im Kontrast zu dem natürlichen und unaufgeregten Portrait des Mädchens funkelt ein edler Perlenohrring an ihrem Ohr, der das Licht reflektiert.

Wer ist die Unbekannte, die auch als „Die Mona Lisa des Nordens“ bezeichnet wird? - Ob es ein bezahltes Modell war oder eine Angestellte Vermeers ist heute nicht mehr bekannt. Vielmehr wird angenommen, dass es sich hier nicht um ein Realportrait handelt, sondern um eine Tronie. Tronien sind als eigenständige Bildgattung in den Niederlanden aufgekommen. Sie haben porträt-ähnliche Charakterköpfe zum Bildthema. Mit diesen wollten die Maler Menschentypen verbildlichen, Allegorien darstellen oder auch schlichtweg für andere Gemälde beispielsweise Historienmalereien üben.

In diesem Fall mag das exotische Kleid, der orientalische Turban und die große Perle am Ohr das Interesse an der türkischen Kultur widerspiegeln, welche um 1665 in den Niederlanden ein großen Thema war.


Farblich bewegt sich das Werk überwiegend im Gelb-Orange-Braun-Spektrum und setzt durch den blauen Turban einen intensiven Gegenpol mit der Komplementärfarbe ab (Orange/Blau). Das Licht ist sogenanntes „Atelierlicht“, von links oben kommend. Dies ist besonders in der Perle am Ohr zu erkennen, die links oben diese unbekannte Lichtquelle spiegelt. Diese Lichtlösung war bei rechtshändigen Malern sehr beliebt, da sie beim Malen von links nach rechts Abstufungen vornehmen konnten und somit den Rest des Werkes nicht in Mitleidenschaft zogen. Das Licht ermöglicht dem Maler, durch Licht und Schatten das Modell plastisch heraus zu modellieren.


Vermeer hat ein äußerst natürlich wirkendes Gemälde geschaffen. Dies ist nicht zuletzt dem geschuldet, dass er sich gegen eine starre Dreieckskomposition entschied, und stattdessen dessen Kompositionslinien ein wenig nach rechts versetzt. Die linke Seite des Dreiecks wird auch durch den Lichteinfall verstärkt, der hier recht deutlich einen Schatten wirft. Somit ist die Symmetrie des Dreiecks zugunsten der Bildwirkung vernachlässigt worden. Der sogenannte „Negativraum“, welcher das Werk umgibt, ist auf beiden Seiten bewegt und macht das Bildthema interessant.




Jan Vermeer - Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Öl auf Leinwand, 1665, 45 cm × 40 cm, Mauritshuis in Den Haag

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