Tizian - Madonna mit dem Kaninchen

von Thyra Guenther-Lübbers


Auf den ersten Blick, ein gemütliches Picknick im Abendrot in mitten einer herrlich idyllischen Landschaft. Aber wie so oft in der Kunstgeschichte täuscht der erste Eindruck. Auch dieses Bild möchte seinem Betrachter viel mehr erzählen. Um hinter den romantischen Schleier des Gemäldes von Tizian zu blicken, klären wir zunächst die Identitäten der einzelnen Personen auf, die übrigens in einer recht ungewöhnlichen Komposition im Raum angeordnet sind. In zwei sogenannten Dreiecks-Kompositionen und von links nach rechts versammelte der Künstler in seinem Bild die Heilige Katharina von Alexandrien, die an ihrem Märtyrer- Attribut , dem Wagenrad, als diese zu identifizieren ist, keinen geringeren als Jesus Christus mit seiner Mutter Maria, die sich uns wiederum durch den für sie in der Kunst typischen blauen Umhang zu erkennen gibt und schließlich am rechten Bildrand den als Staffagefigur eines Hirten getarnten Auftraggeber des Bildes, Herzog Frederico II. Gonzaga von Mantua. Der Mantel Mariens stellt in diesem Bild durchaus eine Besonderheit dar. Sein so intensiv blau leuchtender Farbton ist auf Pigmente von Lapislazuli-Blau zurückzuführen. Die Pigmente wurden zur Zeit Tizians in Afghanistan gewonnen und waren so wertvoll, dass sie mit Gold aufgewogen wurden. Dadurch, dass Tizian in der Handelsstadt Venedig lebte und arbeitete, gestaltete es sich für ihn leichter an den begehrten Farbstoff zu gelangen.


Der Hintergrund wird von sich weit erstreckenden grünen Wiesen, einer Gebirgslandschaft und einem bewölkten Abendhimmel ausgefüllt. Eine Kirchturmspitze lässt eine Stadt erahnen. Mit der unberührten, felsigen Natur und dem Hirten-Ensemble spielt Tizian auf einen Landstrich im Herzen der griechischen Peloponnes an. Die Arkadien , so der Name des Landstriches, wurden schon in der klassischen griechischen Antike als schön, rau, wild und nur von Hirten besiedelt besungen. In der Renaissance , der Zeit in der Tizian das Gemälde schuf, wurden sie zum Inbegriff eines freien und ungezwungenen Lebens und avancierte zum Sehnsuchtsort.


Die Rollen im vorliegenden Werk sind klar verteilt. Ehrfürchtig kauernd hält sich der Auftraggeber am Rand des Geschehens. Er weiß genau welches Privileg ihm zuteil wird einem liebevollen und vertrauten Moment der Heiligen Mutter und ihrem Sohn beizuwohnen. Dessen ist sich auch die Heilige Katharina bewusst. Auf dem Wagenrad knieend und ihren Kopf devot in Richtung Maria beugend übergibt sie ihr ihren göttlichen Sohn. Tizians angesprochen außergewöhnliche Komposition sieht keine das Zentrum des Werkes füllende Figur vor, auch wenn Maria der Bildmitte sehr nahe ist. Dadurch wird sprichwörtlich keine Figur in das Zentrum der Aufmerksamkeit des Betrachters gerückt. Vielleicht dachte sich Tizian, dass dies wohl ohne jedes kompositorische Hilfsmittel geschieht. Maria jedenfalls ist, im starken Kontrast zu Katharina auf einem Kissen sitzend von Tizian dargestellt und nimmt ihren Sohn mit offenem Arm in Empfang. Dieser scheint jedoch eifrig strampelnd nur eines im Kopf zu haben: das Kaninchen in der linken Hand seiner Mutter zu streicheln. Diese Tatsache führt uns zu den im Bild vorherrschenden Blickachsen. Die Verbindung zwischen Christus und dem Hasen verweist auf seine Wiederauferstehung. Denn genauso wie ein Hase in seinem Bau unter der Erde, war auch Christus drei Tage begraben, bevor er auferstand. Die Verbindung zwischen Maria und dem weißen Kaninchen steht wiederum für Reinheit und Fruchtbarkeit. Den bereits erwähnten devoten Blick der Heiligen Katharina von Alexandrien, erwidert Maria nicht. Sie nimmt zu Niemandem Blickkontakt auf, auch nicht zum Betrachter. Sie starrt abwesend in die Leere außerhalb des linken Bildrandes. Auch damit deutet Tizian an, dass Maria sich im Klaren darüber ist, welches Schicksal ihren Sohn ereilen wird, was sie offensichtlich nachdenklich und traurig stimmt.


Abschließend seien noch zwei kleine aber durchaus wichtige und vom Künstler durchdachte Details erwähnt. Zum einen der Korb mit Früchten zu Marias Füßen. Unter einem halb geöffneten Deckel sieht der Betrachter auf einen Apfel und Weintrauben. Hierbei steht der Apfel symbolhaft für den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies und die Trauben künden von der Eucharistie. Außerdem sticht doch recht prominent am rechten unteren Bildrand eine Pflanze, genauer gesagt ein Storchenschnabel, hervor. Auch er steht für Fruchtbarkeit und das Mutterdasein. Aus diesem Grund ist er in voller Größe und Blüte selbstverständlich ganz in der Nähe von Maria im Bild von Tizian angeordnet worden.

Tizian hat hier ein stark mit Symbolen aufgeladenes Gemälde geschaffen, das die Reinheit und Vollkommenheit der Mutter Gottes und Ihres Sohnes zeigt, aber auch die Menschwerdung dessen. Völlig bodenständig zeigt er hier ein menschliches Moment göttlicher Figuren.


Tizian - Madonna mit dem Kaninchen

Öl auf Leinwand, Um 1530, 71 x 87 cm, Musée du Louvre in Paris

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