Tizian - Lukrezia und ihr Gemahl Lucius Tarquinius Collatinus

von Claire Deuticke

Das Gemälde „Lukrezia und ihr Gemahl Lucius Tarquinius Collatinus“ entstand um 1515 und gehört zu einem der frühen Werke des venezianischen Malers Tiziano Vecellio, auch Tizian genannt. Zur Provenienz ist bekannt, dass es im Jahre 1636 zur Kunstsammlung des König Karl I. von England sowie der Sammlung Leopold Wilhelms zählte und somit in gehobenen Kreisen kursierte. Fernerhin wird vermutet, dass das Werk ursprünglich als Galeriebild zu einer privaten Sammlung gehörte, wie es zu jener Zeit üblich war. Heute ist es im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern.

Das Werk zeigt vordergründig eine sich dem Betrachter leicht abgewandte Frau, die nahezu den gesamten Bildraum einnimmt. Sie scheint in die Ferne zu blicken, beinahe als ersuche sie eine höhere Instanz. Ihr Ausdruck sowie ihre Haltung wirken entschlossen und anmutig. Ihr goldblond gelocktes, leicht zerzaustes Haar weht wie durch einen unsichtbaren Windstoß und verleiht ihr so eine gewisse Dynamik und Impulsivität. Ihre blasse Haut wirkt ebenmäßig, nahezu makellos. Ein weißes, durchsichtiges Kleid umhüllt ihren Körper und lässt die Umrisse ihrer Brust erahnen. Das Gewand ist auf der linken Körperhälfte bis in die Ellenbeuge heruntergerutscht, ihre Schulter wird hierdurch entblößt und lässt die Dargestellte gewissermaßen freizügig und erotisierend wirken. Ein Überkleid in einem leuchtenden grün ummantelt das Unterkleid und stellt einen Kontrast zu ihrer blassen, ebenmäßigen Haut dar. Am rechten Arm sind Unter- und Obergewand bis zur Schulter hochgeschoben. Überhaupt wirkt ihre Kleidung wie achtlos übergeworfen und verrutscht. Die extreme Stofflichkeit der Kleidung verleiht der Darstellung Bewegung und eine gewisse Sinnlichkeit. Der rechte, nackte Arm ist leicht angewinkelt, ihre Hand umschlingt mit einem festen Griff einen Dolch – die Spitze richtet sie auf ihren Leib. Der Hintergrund des Bildes ist in ein dunkles Schwarz gehüllt, die Dargestellte wird jedoch von einem starken Lichteinfall beleuchtet und hervorgehoben. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass sich im Hintergrund eine weitere Person befindet: Ein braungelockter, ebenso blasser Mann mit zarten Gesichtszügen umfasst die Frau von hinten. Seine linke Hand greift nach ihrem linken Arm – es ist nicht ganz eindeutig ob er für die Entblößung der Schulter verantwortlich ist. Sein Blick gilt der Frau, die ihm jedoch keine Beachtung zu schenken scheint. Er trägt ein rotes Gewand, das einen Komplementärkontrast zu dem grünen Gewand der Frau bildet und so gestalterisch der Dramatik der Szene beiträgt. Im Gegensatz zur Frau ist er nicht von dem Lichteinfall betroffen, überhaupt wird er durch die von Anmut und Entschlossenheit gezeichnete Frau in den Schatten gestellt und nimmt so eine eher hintergründige Rolle in der Darstellung ein.


Das Werk erzählt die Geschichte der tugendhaften Lukrezia, einer historischen Figur aus dem Geschichtswerk „Ab urbe condita“ des römischen Historikers Titius Livius, das die 700-jährige Geschichte Roms darlegt. In der Erzählung wird sie aufgrund ihrer Schönheit und Keuschheit zum Opfer einer Vergewaltigung durch den etruskischen Königssohn Sextus Tarquinius. In der Hoffnung sich durch den Akt eines heroischen Freitods der Schmach zu entziehen, ersticht sie sich im Beisein ihre Ehemannes, Lucius Tarquinius Collatinus. Um sich an der Vergewaltigung und dem Verlust der schönen und keuschen Lukrezia zu rächen, wird die verhasste Königsherrschaft der Etrusker anschließend gestürzt und die römische Republik gegründet. Die Wiederentdeckung des Werkes bildete insbesondere in der italienischen Renaissance den Ausgangspunkt für die Popularität des Livius als Schulautor. Sein Werk wurde häufig als Beispiel für Vernunft zur Rate gezogen und die Vergewaltigung der Lukrezia entwickelte sich zu einem Hauptthema der europäischen Kunst und Literatur, als Allegorie des Kampfes gegen Tyrannei, als ein Beispiel für Tugendhaftigkeit und den Gründungsmythos der römischen Republik darstellend.


Von diesem Hintergrundwissen ausgehend, liegt die Vermutung nahe, dass die Darstellung den Moment des heroischen Freitods Lukrezias in Anwesenheit ihres Ehemanns Lucius Tarquinius Collatinus zeigt, so wie es auch der Titel des Werkes befindet. Interessanterweise nehmen Forschungen allerdings an, dass das Werk ursprünglich die Vergewaltigung und nicht den Moment des Freitods abbildete – so wie es für die Darstellung der Lukrezia üblicherweise kennzeichnend war. In dieser früheren Version stellte die Person im Hintergrund vermutlich Sextus Tarquinius dar, der anstatt von Lukrezia den Dolch hielt und auf sie richtete. Diese Annahme würde jedenfalls das übergriffige Entblößen der Schulter durch Tarquinius sowie die verrutschte Kleidung, und die nahezu stürmische Bewegtheit des Werkes erklären. Fernerhin wird aufgrund der von Tizian äußerst ungewöhnlich gewählten Ikonographie Lukrezias daran gezweifelt, ob es sich bei der Darbietung überhaupt um Lukrezia handelt und lässt somit auch ungewiss, welche Rolle der im Hintergrund Abgebildete einnimmt. Eine eindeutige Identifikation der aufgeführten Personen bleibt somit trotz Hintergrundwissen schwierig.


Gehen wir jedoch davon aus, dass es sich bei der Dargestellten um Lukrezia handelt, liegt die Besonderheit des Werkes wohl in dem Vermögen Tizians, Lukrezia in der Fülle ihrer beschriebenen Tugendhaftigkeit und Schönheit darzustellen, ungebrochen und anmutig, trotz der Schmach einer Vergewaltigung und dem Wissen des nahenden Todes. Es ist nicht die Vergewaltigung oder der Akt des Freitodes, der hier vordergründig erzählt wird, sondern Lukrezias heroische und ehrbare Tugendhaftigkeit, die letztendlich zur Gründung der römischen Republik führte.


Abschließend bleibt festzuhalten, ob Vergewaltigung oder Freitod, ob Lukrezia oder eine andere Schönheit – Es ist das lebendige, anmutige Auftreten der Abgebildeten, dass den Betrachter in den Bann zieht und auch 500 Jahre nach der Entstehung des Werkes fasziniert.

Titian - Lukrezia und ihr Gemahl Lucius Tarquinius Collatinus

Öl auf Pappelholz, um 1515, 82 x 68 cm, Kunsthistorisches Museum, Wien


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