Sir Edward Coley Burne - The Wine of Circe

von Sarah Baur

Das querformatige Werk lässt den Betrachter in einen antikisierten Raum blicken. Zentriert im Bildvordergrund ist eine Frau mit braunem Haar zu sehen. Barfuß und in ein orangefarbenes Gewand gehüllt, beugt sie sich nach vorne. Mit konzentriertem Blick träufelt sie aus einem kleinen Fläschchen in ihrer Rechten ein paar Tropfen einer Flüssigkeit in eine hohe Amphore, die am linken Bildrand steht. Vor ihr stehen zwei schwarze Panther, die mit grimmig-gierigen Blicken ihre Herrin beobachten. Im rechten Bildvordergrund befindet sich ein hohes Räuchergefäß, dessen Standbeine von einem schlangenförmigen Dekor umschlungen werden. Dahinter ist ein silberner Thron, flankiert von geflügelten Tierwesen zu sehen. Ein großer, mit Silbergeschirr und hellem Tuch gedeckter Tisch, rechts daneben bunte Gefäße und ein Orangenbäumchen, füllen zusammen mit einigen im Raum verteilten Sonnenblumen den Rest des Bildmittelgrundes aus. Im Hintergrund gibt eine schmale längliche Fensteröffnung den Blick nach draußen auf das offene Meer frei. Dort sieht der Betrachter auf der rechten Seite vier Schiffe mit aufgeblähten Segeln herannahen.

Dargestellt ist hier, wie der Bildtitel schon verrät, Circe, in einer Szene aus Homers Odyssee. Sie ist die Tochter des Sonnengottes Helios und auf der Insel Aiaia beheimatet, auf welche es eines Tages Odysseus mit seinen Gefährten verschlägt. Von Circes Gesang gelockt kommen die herumirrenden Seefahrer bald zu ihrem Palast und werden dort mit Speisen und Wein gastfreundlich aufgenommen. Doch Circe ist der Zauberei mächtig und hat dem Wein „betörende Säfte“ beigemischt, so dass sich die Besucher in Schweine verwandelten – alle bis auf Odysseus, der erst später am Palast ankommt. Mit seinem Schwert und einem Kraut, das Hermes ihm verschaffte, kann er sich gegen Circes Zauber schützen und sie umstimmen. Nach einer gemeinsamen Liebesnacht erlöst Circe die übrigen Gefährten und gewährt ihnen für ein ganzes Jahr ihre Gastfreundschaft auf der Insel. (Homer: Odyssee. 10, 135-574; 12, 1-143)


Das Kräftemessen von Bedrohung und Anziehung zwischen dem sterblichen Protagonisten und der göttlichen Zauberin führten dazu, dass Circe selbst schnell als Personifikation von Lust und Lasterhaftigkeit verstanden wurde, der es zu widerstehen galt. Burne-Jones zeigt in seiner ominösen und beunruhigenden bildnerischen Interpretation der Circe den Moment, in dem sie den Trank zur Transformation ihrer herannahenden Gäste vorbereitet. Durch das Fenster wird sie die Schiffe des Odysseus bereits gesehen haben und so ihren Vorbereitungen für den Empfang nachgegangen sein. Ihr Blick ist nun in Konzentration auf die Zubereitung des fatalen Elixiers fixiert. Das warme Kolorit des farbenfrohen Gemäldes wird durch die großzügige Verwendung von gedämpften orangeroten bis goldgelben Farben erzeugt, die besonders in dem Gewand der Circe, welches einen Großteil der zentralen Fläche des Bildes einnimmt, präsent sind. Sie dominieren gegenüber den dunkleren Schwarz- und Anthrazittönen, in dem die Panther, das Rauchgefäß und der Thron gemalt sind. Das Kolorit macht durch die Auswahl an harmonisch aufeinander abgestimmten Farben einen ästhetischen Eindruck. Der Farbauftrag und die Pinselführung wirken eben- und gleichmäßig ohne Unruhe zu erzeugen.


Durch die zentrale Positionierung und die Farbintensität des Gewandes wird Circe deutlich als Hauptperson fokussiert. Dazu trägt außerdem die präzise Darstellung ihrer Figur bei, die sich deutlich unter dem detaillierten Faltenwurf des Gewandes abzeichnet. Wie ausführlich Burne-Jones sich der Ausgestaltung der Figur und des Gewandes der Circe gewidmet hat, wird vor allem in zahlreichen Skizzen deutlich, die er immer wieder dazu anfertigte. Nicht nur in der sorgfältigen Ausführung des Gewandes lässt sich Burne-Jones Studium der antiken griechischen Skulpturen nachvollziehen. Auch die friesähnliche Anordnung des Dargestellten ist bezeichnend und basiert auf seinen Studien im British Museum. Die solide anmutende Architektur, von der im Bild nur ein kleiner Ausschnitt zusehen ist, ist dennoch ein signifikanter Teil der Komposition, da sie die waagerechte Form und Haltung des Oberkörpers der Protagonistin annähernd parallelisiert und somit gleichzeitig ihre Entschlossenheit unterstreicht. Die Bildkomposition wird von einigen prägnanten Waagerechten durchzogen und wirkt auf den ersten Eindruck etwas gedrungen. Gleichzeitig erweckt Circes gebeugte Haltung auch ein Gefühl ihrer vermeintlichen Boshaftigkeit und den Gedanken an klischeehaft schrullige Hexen in buckliger Haltung, wie sie beispielsweise schon in einigen Zeichnungen Francisco de Goyas zu finden sind.

Circes Konzentration wird auch in den Sonnenblumen widergespiegelt. Sie richten allesamt gespannt ihre Köpfe lieber diesem Geschehen als der Sonne zu. Gleichzeitig ist besonders diese Blumensorte als ein Verweis auf Circes Abstammung, den griechischen Sonnengott, zu deuten. Auch den Schlangenformen ist ein symbolhafter Charakter zuzuordnen, denn häufig wird in der Schlange die teuflische Verführerin und ein Sinnbild des Bösen gesehen. Zusammen mit den grimmigen Panthern verleiht Burne-Jones so Circe eine bedrohliche Aura.


Sir Edward Coley Burne - The Wine of Circe

Aquarell, 1863 - 1869, 70 x 101,5 cm, Privatsammlung


Francisco de Goya - Der Zauberer und die Hexen

Öl auf Leinwand, 1797 - 1798, 44 x 32 cm, Fundación Lázaro Galdiano, Madrid

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