Rembrandt - Die Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp

von Alexandra Tuschka


Es ist der 16. Januar 1632. Aris Kindt hatte früher am Tag versucht, einem Mann den Mantel zu rauben, womöglich aufgrund der Kälte. Der Januar war frostig. Wer der Bestohlene war, ist nicht bekannt, aber die drastische Strafe spricht für einen Mann mit Einfluss. Noch am selben Tag wird Aris Kindt zum Tode durch Hängen verurteilt. Die rechte Hand wird ihm abgeschlagen. Nun liegt er hier, bei der jährlichen öffentlichen Sezierung eines Menschen, veranstaltet von der Gilde der Chirurgen, wo nur Angehörige der höheren Gesellschaft Zutritt haben. Immerhin hat Rembrandt, entgegen der ursprünglichen Version, die rechte Hand dann doch wieder hinzugefügt.


Am Arm des Toten hat Dr. Tulp, der Lehrmeister rechts, bereits die Haut geöffnet und zeigt seinen Studenten, was passiert, wenn man am sogenannten Flexor digitorum superficialis - Muskel zieht. Seine linke Hand demonstriert, wie die Finger nun automatisch gebeugt werden. Vor den Anwesenden ist ein dicker Wälzer aufgeschlagen, vermutlich das größte Lehrbuch zu diesem Thema dieser Zeit: "Über den Aufbau des menschlichen Körpers" von Andreas Vesalius.

Sieben weitere Männer haben sich um den Tisch versammelt, in Wahrheit müssen es deutlich mehr gewesen sein, die den Ausführungen des Dr. Tulp lauschten. Die Sezierung selbst wird in Wirklichkeit vermutlich auch eher durch einen Assistenten durchgeführt worden sein. Rembrandt, dem der Auftrag zu diesem Gruppenportrait im Alter von nur 25 Jahren erteilt wurde, war erst vor kurzer Zeit nach Amsterdam gekommen, wo die abgebildeten Männer in einer Gilde organisiert waren, und etablierte sich mit diesem Werk rasch in der dortigen Kunstszene. Gruppenportraits waren zur Zeit des 17. Jahrhunderts der Niederlande sehr beliebt. Die Kirche war nicht länger Auftraggeber in den protestantischen Niederlanden, vielmehr suchte die höhere Bürgerschicht neue Wege, ihre Identität auszudrücken, zahlreiche Portraits zeugen von diesem Selbstbewusstsein. Solche Gruppenportraits hingen repräsentativ in den Gildenhäusern und wurden in der Regel alle 5-10 Jahre neu in Auftrag gegeben. Nicht selten gaben einzelne Männer einiges an Geld aus, um auf solchen Bildern zu erscheinen. In diesem Fall sind ihre Identitäten auf dem Blatt namentlich festgehalten, das der Herr rechts hinten präsentiert.


Statt, wie es üblicherweise der Fall war, die Männer einfach nebeneinander zu stellen, kreierte Rembrandt hier einen realistischen Moment, wo jeder Dargestellte eine Identität hat, aber auch leicht unterschiedliche Emotionen sichtbar werden. Damit ist nicht länger ein recht steriles Abbild für die Nachwelt geschaffen worden, sondern der Betrachter taucht in eine intime Situation ein, die so wirklich stattgefunden haben könnte. Die gesamte Gruppe ist in einer, leicht nach links gerückten, Pyramidialform angeordnet. Dr. Tulp ist der einzige, der nach links blickt. Zwischen ihm und dem jungen Mann mit Blatt ist eine rautenförmige Öffnung. Links sind zwei Rückenfiguren zu sehen, von denen der eine im Profil und der andere im Dreiviertelprofil erkennbar sind. Sie weisen uns als Betrachter gleichzeitig den freien Platz am Tisch zu. Die Männer im Bildmittelpunkt folgen sehr wachsam den Ausführungen des Dozenten. Der leicht ergraute scheint einen Blick ins Buch werfen zu wollen – und hat wohl seine Brille vergessen. Der andere hat eine Hand in den Mantel gesteckt. Eine Geste, die wir als Machtausdruck auch von Herrscherportraits kennen. Über ihm befindet sich ein attraktiver Rothaariger, er hat die Augenbrauen aus Konzentration leicht zusammengezogen. Die beiden Männer, die sich am weitesten im Hintergrund aufhalten, schauen uns wiederum in die Augen. Alle Männer haben schneeweiße Krägen, welche Rembrandt säuberlich ausgearbeitet hat. Was für eine Mühe muss es gewesen sein, diese so sauber zu halten. Waschen, bleichen, bügeln – und das bei so einem blutigen Beruf... Dafür hatte man mit so einem Statussymbol natürlich sein Ansehen garantiert. Rembrandt löste die Aufgabe, die acht Männer im Bild zu präsentieren, raffiniert. Durch die gestaffelte Komposition überschneidet sich kein einziges Gesicht. Durch die Anordnung der Männer um den Tisch begegnen wir Profil, Dreiviertelprofil, Halbprofil, Frontalansicht – durch diese Variation macht der Künstler die Männer erkennbar und das Bildthema auf für uns als Betrachter viel interessanter. Auch erzeugt er Tiefenraum und lässt keinen der Männer wichtiger erscheinen als seinen Nächsten – ausgenommen des Dr. Tulp natürlich, der durch Hut, Kleidung und Anordnung exponiert steht.

Das Licht scheint wie ein Scheinwerfer von oben zu kommen und lässt starke Kontraste aufkommen, vor allem zwischen der bleichen Haut des Toten und den dunklen Gewändern der Männer. Dennoch sieht es fast so aus, als würde der tote Körper wie aus der Mitte heraus leuchten und so alle umliegenden Gesichter erhellen. Wie man beispielsweise an der Hand des Dr. Tulp erkennen kann, ist der Schattenwurf nicht konsequent vollzogen. Hier wirft sich der Schatten scharf nach rechts, bei so einem drastischen Lichteinfall von links wären aber insbesondere die Rückenfiguren nicht mehr erkennbar. Das innere Leuchten eines Leichnams kennen wir von dem prominentestem Toten der Kunstgeschichte: von Jesus Christus selbst. Dieses drückte seine Heiligkeit aus, diesbezügliche Bilder waren als Andachtsaufforderung gedacht. Eine inhaltliche Assoziation ist aber sicher nicht gemeint. Vielmehr zeigt sich hier ein neues Paradigma im Bezug auf den menschlichen Körper. Vorher wurden die Toten oft gezeigt, als seien sie von diesem transformiert worden. Mit Einzug des Protestantismus und der wissenschaftlichen Revolution, änderte sich die Sicht. Der Körper wurde zur „Maschine“, dessen einzelne Teile studiert und analysiert werden konnten. Für diese Veränderung ist „Die Anatomie des Dr. Tulps“ ein anschauliches Beispiel.


Rembrandt - Die Anatomie des Dr. Tulp

Öl auf Leinwand, 1632, 169,5 x 216,5 cm, Mauritshuis, Den Haag


Bartolomé Esteban Murillo - Jesu am Kreuz

Öl auf Leinwand, 1675, 50,8 x 33 cm, Metropolitan Museum of Art, New York


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