Rembrandt - Christus im Sturm auf dem See Genezareth

von Alexandra Tuschka


"23 Und als er in das Boot gestiegen war, folgten ihm seine Jünger.

24 Und siehe, es erhob sich ein heftiger Sturm auf dem See, so daß das Boot von den Wellen bedeckt wurde; er aber schlief. 25 Und sie traten hinzu, weckten ihn auf und sprachen: Herr, rette uns, wir kommen um!

26 Und er spricht zu ihnen: Was seid ihr furchtsam, Kleingläubige ? Dann stand er auf und bedrohte die Winde und den See; und es entstand eine große Stille.

27 Die Menschen aber wunderten sich und sagten: Was für einer ist dieser, daß auch die Winde und der See ihm gehorchen?" Mt 23 - 27


Das Fischerboot, gleich einer Nussschale, treibt auf der stürmischen See. Die Wellen schlagen hoch, Gischt erreicht das Innere des Schiffes, die Männer haben alle Mühe, die Segel zu festigen. Im linken Vordergrund kommt ein Felsen bedrohlich nahe. Links erhebt sich der Buk des Schiffes in die Höhe. Auf die große Gefahr reagieren alle Männer völlig anders. Während viele von ihnen probieren, das Boot zu retten, haben andere Jesus im rechten Bildteil geweckt und flehen um Rettung. Jesus erhebt sich, beruhigte See und Wind in Sekundenschnelle. Er wundert sich aber über die Panik seiner Jünger, da er erkennt, dass diese die göttliche Führung in Frage stellen.

Obwohl die Komposition erst einmal chaotisch erscheint, ist sie wohl durchdacht. Der Mast überragt die Szene und zieht den Betrachterblick in das Bootsinnere, von hier verweisen einige Linien auf Jesus. Der allerdings ist im Dunkeln, nur ein unscharfer Nimbus erhellt seinen Kopf. Der Heiland ist erst gerade erwacht und verwundert über die Panik auf dem Boot. Diese Ruhe ist dem hektischen Treiben raffiniert gegenübergestellt. Schon die Vorstellung, Jesus könne in einer solchen Situation schlafen vermag uns zum Schmunzeln zu bringen.


Entgegen des biblischen Quelltextes haben sich nicht 13 Männern auf dem Boot eingefunden, die 12 Jünger und Jesus, sondern 14. Rembrandt, den wir hier als sogenanntes Selbstbildnis "in assistenza" vorfinden ist kurz vor der Abfahrt noch ins Boot gehuscht. Möchte er sich als 13. Jünger ausgeben? Zumindest nimmt er als einziger Blickkontakt zu uns auf und vermittelt zwischen den Bildgründen. Auch kann so ein Selbstbildnis "in assistenza" wie eine Signatur verstanden werden, eine Tradition, die 1633, als dieses Werk entstand, bereits über 100 Jahre alt ist. Auch der Maler hält sich gut am Seil fest und sorgt dafür, dass die Mütze nicht verloren geht.

Der linke Teil des Bildes ist hell erleuchtet von dem Lichteinstrahl, der durch die nun geöffnete Wolkendecke scheint. Im Kontrast dazu finden wir im dunkleren Bildteil rechts Jesus inmitten einer Gruppe Männer vor. Alle Männer können als Gegengewichte zueinander interpretiert werden, welche die Komposition ausgleichen und sich jeweils auf der gleichen Bildtiefe befinden. Am tiefsten im Raum befinden sich zwei Männer, von denen einer das Segel hält, und der andere aus Angst seinen Mantel um sich wirft. Zwei weitere Männer finden wir oben und unten, die wie auf einer Wippe die äußersten Gewichte darstellen und das Boot im Gleichgewicht halten. Die zwei Männer, die Jesus bedrängen entsprechen denen, die den Mast „bedrängen“; in beiden Situationen wird aus Verzweiflung die Lösung im Außen gesucht. Wie auch der Mast, das elementare haltspendende Objekt ist, wird Jesus zum schutzgebietenden Subjekt, an welches man sich in der Not „klammert“. Dem Streben nach Außen gegenübergestellt sind zwei andere Personen, die nach Innen kehren; eine ist betend, der andere nur im sogenannten "Profil perdu" zu sehen, also nicht eindeutig bei einer Tätigkeit erkennbar ist. Seine ruhige Ausstrahlung in dieser Situation kann jedoch plausibel als innere Einkehr gedeutet werden. Ganz außen befinden sich dann zwei Männer welche die Schiffsgrenzen subtil überwinden. Einer in Rot muss sich übergeben, der andere in Gelb greift nach einem Seil. Am nächsten am Betrachter befindet sich dann also der „blinde Passagier“ Rembrandt, zu dem kein kompositorisches Gegenstück existiert.



In dieser Situation fallen mehrere Momente zusammen. Der linke Bildteil ist hell erleuchtet, hier ist von der Zuwendung zu Jesus keine Spur. Dieser Teil wird von drei Kompositionslinien umrahmt und bildet ein sehr instabiles Dreieck. Rechts hingegen ist der Bildteil im Schatten, hier wirkt die See schon beruhigter, die Kompositionslinien bilden hier ein stabiles Dreieck. Der geöffnete Himmel links kann als einen bereits erhörten Befehl Jesu gedeutet werden, gerade erst erwacht, ist auch schon das Ende des Sturms in Aussicht und wirft Licht, also Hoffnung, auf die im Kampf befindlichen Männer. Der Mast hat naturgemäß Ähnlichkeit mit einem Kreuz und mag auf das drohende Schicksal Jesu hindeuten.


Dieses Werk entstand in Rembrandts 26. Lebensjahr, 1633, kurze Zeit nach seinem Umzug nach Amsterdam, wo er sich unter anderem mit dem Gemälde der „Anatomie des Dr. Tulp“ schnell einen Namen machte. Es sollte sein einziges Seestück des gesamten Ouevres bleiben. Über die Entstehungsumstände des Werkes ist wenig bekannt. Diese biblische Geschichte ist eine Metapher über den Glauben in Zeiten, wo die Außenwelt zusammenzufallen droht. Dass Jesus in dieser Situation ruhig bleiben kann und verwundert ist über die Panik seiner Jünger, kann nur auf sein absolutes Vertrauen in die göttliche Fügung zurückgeführt werden, die er auch den Menschen zuteil lassen werden möchte. Die wiederum absolut menschlichen Reaktionen, die hier gezeigt werden, machen es dem Betrachter dennoch leicht, sich mit ihnen zu identifizieren und dabei gleichzeitig daran erinnert zu werden, dass es eine andere Quelle der Sicherheit gibt.


Das Gemälde wurde 1990 Teil eines Kunstraubes, als zwei Männer als Polizisten verkleidet die Wachleute übermannen konnten. So haben wir bis heute über den Verbleib dieses und der anderen gestohlenen Werke keine Informationen. Nur ein einsamer Rahmen erinnert an die ehemalige Platzierung im Stewart Gardner Museum.


Rembrandt - Christus im Sturm

Öl auf Leinwand, 1633, 160 x 128 cm, verschollen


Rembrandt - Jugendliches Selbstbildnis als Krieger

Öl auf Leinwand, um 1629, 37,9 x 28,9 cm


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