Pieter Bruegel d. Ä. - Der Blindensturz

von Alexandra Tuschka


"Laßt sie, sie sind blinde Blindenführer. Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube." (Mt 15,14) sagte schon Jesus über die Pharisäer und spielte in seinem Gleichnis freilich nicht auf die körperliche, sondern auf die spirituelle Blindheit an. Der "Blindensturz" von Pieter Bruegel d. Ä. verbildlicht die alten Worte, indem er sechs Blinde auf einem abschüssigen Gelände in einen Bach fallen lässt. Tatsächlich ist nur der erste wirklich gefallen und liegt mit dem Rücken auf dem Boden. Die anderen Männer folgen fast automatisch vor unserem geistigen Auge wie ein Dominoeffekt: durch die Aufreihung der Körper mit zunehmendem Drall in die Horizontale schafft es Bruegel, erfolgreich eine Beschleunigung im Bild einzubauen.


Die Männer sind Bettler und haben sich wohl, um Mitleid zu erzeugen, zusammengetan. Wollten sie zu der Kirche im Hintergrund gehen, um dort die Barmherzigkeit der Gemeine herauszukitzeln? Der Mann mit grünem Hut trägt gar ein goldenes Kreuz um den Hals. Die restliche Kleidung ist typisch für das Mittelalter: Bundhosen mit weißen Strümpfen und schwarzen Schuhen, darüber eine lange Jacke, die von einem Gürtel zusammengehalten wird. Es ist wohl schon etwas kälter: die Männer haben jeweils eine Kopfbedeckung aufgezogen und einen lockeren Umhang über die Schultern geworfen. Zwei von ihnen haben Ledertaschen am Gürtel befestigt. Eingebettet ist die Szene in eine ländliche Dorfumgebung.

Dem zeitgenössischen Betrachter werden die Bibelworte bekannt gewesen sein. Nicht nur, dass man im Mittelalter recht bibelfest war, das Gleichnis gehörte auch zum alltäglichen Sprachgebrauch und wurden sprichwortartig benutzt. Das belegt die Integration der Blinden in dem Wimmelbild "Die niederländischen Sprichwörter" vom selben Maler. Ganz klein und grau am Horizont sind hier drei Blinde zu sehen, die einander an der Schulter halten. Das gesamte Werk beinhaltet mehr als 100 niederländische Sprichwörter, die buchstäblich in den kleinen Szenen des Werkes vermittelt werden und uns heute nicht unbedingt mehr etwas sagen.


Im großen Werk des "Blindensturzes" hat Bruegel so präzise gemalt, dass sogar identifiziert werden konnte, woran einige Männer leiden: der Mann in der Mitte mit roten Strümpfen hat ein Leukom, eine weiße Narbenschicht über der Hornhaut. Sein Vordermann muss unter dem schwarzen Star leider und dem Mann, der uns so gruselig entgegenschaut, wurden die Augen ausgestochen - vermutlich bei einem Streit oder aus Strafe. Sollen wir über die Situation lachen oder Mitleid empfinden? Schließlich war Blindheit zu der Zeit Bruegels eine allgegenwärtige Angelegenheit, die eigentlich kein Motiv von Belustigungen sein sollte.


Die stark karikierende Überzeichnung der Figuren distanziert uns automatisch vom allzu großen Mitleid. Die Interpretationen des Werkes sind zahlreich und sehr unterschiedlich. So könnte hier eine unterschwellige Kritik an der Kirche gemeint sein. Vergleichsweise zeigt ein Holzschnitt nach Hans Holbein d. J. ein ähnliches Thema. In der Mitte steht Christus, das "wahre Licht" und trennt die wahren und unwahren Gläubiger voneinander. Links stehen einfache Leute, rechts ist auch allerhand Prominenz dabei: eine Gruppe blinder Philosophen, darunter Platon und Aristoteles, Gelehrte und Geistliche, die in den Abgrund stürzen. Wissen, öffentliches Bekenntnis oder gesellschaftliche Anerkennung sind demnach nicht ausschlaggebend für den richtigen Weg zu Gott. In unseren Bild könnte die Kirche, Sankt Anna Pide, die übrigens heute noch in Itterbeeg existiert, für dieses richtige Licht stehen, welches die Blinden im wahrsten Sinne "verpassen", und dass, obwohl einer sogar eine Kreuzeskette trägt.

Bruegel lebte in den spanischen Niederlanden, die vom Herzog von Alba religiös unterdrückt wurden. Er blieb zeitlebens Katholik, befürwortete aber vermutlich humanistische, kritische Ansichten. Immer wieder nennt auch Luther den Papst einen Blindenführer. Auch der allgegenwärtige Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten war durch Folter und Opfer der Inquisition geprägt, die bekanntermaßen sehr grausam war und wenig Nächstenliebe auslebte. Von Bruegel wissen wir zumindest, aus einer frühen Biografie von Karel van Mander aus dem Jahre 1604, dass er seine Frau bat, seine Werke nach dem Tod zu verbrennen, aus Angst vor der Inquisition. Spricht hieraus die Angst vor Willkür oder das schlechte Gewissen aufgrund von versteckter Kritik? Wie dem auch sei, wir können froh sein, dass seine Frau sich diesem Wunsch widersetzte, denn nur ein Jahr nach diesem Werk starb Pieter Bruegel d. Ä.


Pieter Bruegel der Ältere - Der Blindensturz

Tempera auf Leinwand, 1568, 86 × 154 cm Museo Nazionale di Capodimonte, Neapel


Pieter Bruegel der Ältere - Die niederländischen Sprichwörter (Ausschnitt)

Öl auf Leinwand, 117 x 163 cm, 1559, Staatliche Museen, Berlin


Hans Holbein d. J. - Das "wahre" Licht

Holzschnitt, 1520-1525, 84 x 275 mm, British Museum, London



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