Pieter Bruegel d. Ä. (Nachfolge?) - Landschaft mit dem Sturz des Ikarus

von Alexandra Tuschka

Wir schauen von einem erhobenen Standpunkt auf eine Meereslandschaft, die von wenigen Personen belebt wird. Das Bildthema ist nicht gleich erkennbar, auf den ersten Blick scheint hier eine Genreszene umgesetzt zu sein, die das alltägliche Leben der Landbevölkerung verbildlicht. Ein Bauer mit seinem Pflug kann sogleich unseren Blick einfangen. Er befindet sich im unteren Bildmittelpunkt und ist nur von hinten zu sehen. Durch sein intensives rotes Hemd wirkt er in der ansonsten von Grün-, Blau- und Gelbtönen gehaltenen Landschaft noch präsenter. Gleich hinter diesem stützt sich ein Hirte auf seinen Stab und schaut in den Himmel. Die Herde hat es sich am Ufer bequem gemacht. Folgen wir dessen Blick und schauen auch wir in den Himmel, erkennen wir, außer ein paar dunklen Wolken im linken Hintergrund erstmal nichts Besonderes. Weiter schauen wir nach rechts unten, wo sich ein großes Segelschiff majestätisch von uns entfernt und nun auch endlich das titelgebende Motiv offenbart: zwei blanke Beine ragen noch aus dem Wasser, darüber sind einzelne Federn zu erkennen. Nun erschließt sich die Episode, die hier, wie beiläufig, in das Bild gefügt wurde: Ikarus ist, bei seinem Flug, der Sonne zu nah gekommen und ins Meer gestürzt.

Es ist die einzige bekannte mythologische Szene des Malers und doch sind hier alle Elemente, die mythologisch oder phantastisch wirken könnten, entfernt. Auch kein Daedalus ist zu erkennen, wie bei einer späteren Kopie des Werkes, der das Bildmotiv früher auflösen könnte und aus dem genrehaften Rahmen befördert hätte. Dass Ikarus Flügel zudem von einer bereits untergehenden Sonne so stark in Mitleidenschaft gezogen würden, birgt eine gewisse Unlogik. Die Urheberschaft des Werkes ist umstritten. Da es in Öl auf Leinwand gemalt wurde, spricht es für eine zeitnahe Kopie nach Bruegel, der selbst seine Werke stets auf Holz malte. Die Einfügung des Hauptthemas als sei es ein Detail, ist allerdings typisch für den Flamen. Auch die grundlegende Komposition des Werkes und dessen Ausgestaltung erinnern stark an die Bildsprache des Künstlers.

Die hier gezeigte Episode wird in Ovids Metamorphosen beschrieben. Die Erzählung beginnt jedoch bei dem Vater des Unglücklichen, bei Daedalus. Dieser war ein berühmter und begabter Erfinder, Künstler und Wissenschaftler, der imstande war, technische Wunderwerke zu erschaffen. Er hatte Rang und Namen. Als seine Schwester ihm ihren Sohn Perdix in die Lehre gab, zeigte allerdings dieser so viel Talent und Geschick, dass Daedalus sich von diesem als Konkurrent bedroht fühlte. Um ihn aus dem Weg zu räumen, stieß Dädalus Perdix von der Akropolis. Dieser wurde jedoch von Athene aufgefangen und in ein Rebhuhn verwandelt. Er sollte den Rest seines Lebens Angst vor der Höhe haben. Dädalus aber, als Mörder erkannt, musste aus Griechenland fliehen und kam nach Kreta, wo er für Minos das berühmte Labyrinth baute, um den Minotaurus dort gefangen zu halten. Dieser war ein Mischwesen aus Mensch und Stier, dem jedes Jahr zahlreiche junge Menschen geopfert werden mussten. Womöglich half Daedalus dem Theseus, den Minotaurus zu schlagen. Zur Strafe hielt Minos Dädalus und Ikarus in dem großen Labyrinth gefangen. Der kluge Kopf ersann jedoch eine Fluchtmöglichkeit. Er baute dem Sohn und sich Flügel, die aus Federn und Wachs bestanden und ermahnte den Sohn, immer „in der Mitte“ zu fliegen. Nicht zu nah am Wasser, dort sei es zu feucht, aber auch nicht zu nah an der Sonne, dort sei es zu warm. Als beide allerdings erfolgreich das Labyrinth verlassen konnten und über dem Meer flogen, packte Ikarus die Abenteuerlust und er flog höher, als es gut für ihn gewesen wäre. Das Wachs schmolz und er stürzte ins Meer und ertrank.

Diese Episode wurde zumeist so interpretiert, dass Ikarus der Hochmut gepackt hätte, und so diente das Bildmotiv häufig als Mahnung und moralisierendes Beispiel. Ovid jedoch erzählt völlig beschreibend und ohne moralische Intention. Bruegel hält sich deutlich an den Text durch die Hinzufügung der Personen, die bei Ovid folgendermaßen beschrieben wurden:

Diese sah jemand, während er mit zittemder Angelrute Fische fing, oder ein Hirte, der sich auf seinen Stab oder einen Bauer, der sich auf seinen Pflug stützte, und staunte und glaubte, dass solche, die ihren Weg durch die Lüfte nehmen könnten, Götter seien.


Diese drei Personen sind im Bild sofort zu erkennen, allerdings weicht Bruegel von der Beschreibung ab, indem keiner der Personen das Leid des Ikarus wirklich zu sehen bekommt. Dies wird ad absurdum getrieben in der Figur des Hirten, der in die Leere blickt. Ein Rebhuhn, als Erinnerung an das Schicksal Perdix, ist jedoch beim Angler eingefügt. Auf der linken Seite, gut im Gebüsch versteckt, erhaschen wir zudem die Draufsicht auf einen Toten. Vorne am Bildrand sind ein abgelegter Gürtel und ein Schwert zu sehen. „Kein Pflug hält wegen eines Sterbenden an“ war ein bekanntes zeitgenössisches Sprichwort, auf welches hier vermutlich angespielt wird. Auch die vorderen Gegenstände könnten mit anderen Sprichwörtern in Zusammenhang stehen, bspw. „Geld und Schwert brauchen gute Hände“.

Oft wird der Interpretation des Ikarus als zwar tragische, aber auch hochmütige Figur bei der Betrachtung dieses Werkes gefolgt. Dem überheblichen Jüngling werden die Bauern, als positives Beispiel, die in der weltlichen Arbeit demütig aufgehen, gegenübergestellt. Dass Ikarus so klein dargestellt ist, könnte dann seine Bedeutungslosigkeit in der Welt unterstreichen.


Andererseits könnte der Künstler Daedalus auch als Identifikationsfigur für den Maler gedient haben, denn Dädalus wird als Erfinder und Künstler ebenso zum zweiten Schöpfer nach Gott, dem „naturamque novat“. Zu Bruegels Zeiten jedoch war ein Künstler nicht in unserem Sinne heutigen ein Schöpfer, sondern wurden lange als Handwerker angesehen. Diese mussten sich den höheren Rang im Laufe der Renaissance erst erkämpfen. Womöglich möchte Bruegel hier den gefährlichen Weg des Künstlers, der sich seiner Schöpferkraft bewusst wird und einsetzt, zeigen. Denn schließlich muss auch diesem der schmalen Grat zwischen dem Bedienen der Nachfrage und den eigenen Neuschöpfungen gelingen, damit er nicht "abstürzt".

Pieter Bruegel d. Ä. (Nachfolge?) - Landschaft mit dem Sturz des Ikarus

Öl auf Leinwand, 1555 - 1568, 73,5 x 112 cm, Königliche Museen der Schönen Künste, Brüssel


Kopie nach Pieter Bruegel d. Ä. - Landschaft mit dem Sturz des Ikarus

Öl auf Holz, 1590 - 1595, 63 x 90 cm, Museum Van Buuren, Brüssel


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