Peter Paul Rubens - Die Geißblattlaube

von Alexandra Tuschka


Neun Jahre hatte er in Italien verbracht, als Rubens 1608 nach Antwerpen zurückkehrte. Kurz darauf lernte er, bereits 32 und hochberühmt, die 18-jährige Isabella Brant, ein junges Mädchen von Stand aus seiner näheren Umgebung kennen. Sein Bruder Phillip hatte nämlich deren Verwandte Marie de Moy geheiratet und beide bekannt gemacht. Nun also, nicht mal ein Jahr nach der Rückkehr, wurde bereits geheiratet. Das Doppelbildnis, was wir heute unter dem Namen „Geißblattlaube“ kennen, zeigt Rubens in inniger Verbundenheit mit seiner Frau. Er war der gefragteste Maler seiner Zeit und ein sozialer Aufsteiger. Mit seiner Berufung zum Hofmaler bekam er ein sattes Jahresgehalt und konnte für seine Werke zuvor nie bezahlte Preise verlangen. So traf seine bürgerliche Herkunft auf den neu erworbenen aristokratischen Lebensstil.

Das Bildnis mit seiner Frau bringt diese Symbiose zum Ausdruck: Die Eheleute sitzen im Freien vor einer Laubenrückwand. Sie hat es sich auf dem Boden, womöglich mit einem Sitzkissen, bequem gemacht, während er etwas erhöht positioniert ist und damit gleichsam seine übergeordnete Rolle in der Partnerschaft demonstriert. Isabella ist jedoch vor ihrem Mann positioniert und näher am Betrachter, so dass das Verhältnis ausgeglichen wirkt. Beide tragen prachtvolle, hochwertige Kleidung, Isabella ist reich geschmückt. Hinter ihr ist das Grün dicht gewachsen und bremst unseren Blick, links hingegen öffnet er sich in die Weite. Man kann dies freilich mit den unterschiedlichen Rollen assoziieren. Der Mann wendet sich der „Welt“ zu, die Frau dem häuslichen, geschlossenen Bereich. Dieses Motiv erinnert an Liebesgärten, aber auch an die "Madonna dell’humilita", obwohl das Sitzen auf dem Boden auf einem Kissen nicht unüblich in höheren Kreisen dieser Zeit war.


Während Rubens einen gelassenen Gesichtsausdruck zeigt, findet man auf dem Gesicht der Frau ein mildes Lächeln. Die Hände der beiden vereinen sich in seinem Schoß. Ihre Hand liegt auf der ihres Mannes. Diese Geste entstammt wohl einer antiken Heirats-Tradition, dem dextrarum iunctio. Auch die Komposition ist bewusst gewählt, wir sehen die Eheleute in einer Kreisformation – stabil, ausgeglichen geschlossen. Ebenso sind die Farben ausgewogen und beruhigen das Auge. Die kräftigen Farben Rot und Orange ergänzen sich in der Mitte und sind von der Komplementärfarbe Blau eingerahmt.


Die tiefere Sinnschicht des Bildes äußert sich in der Wahl der Umgebung – die Geißblattranke, im Volksmund „jelängerjelieber“ genannt, steht symbolisch für eine dauerhafte, liebevolle und fruchtbare Verbindung – die Verlegung des Paares nach draußen für die Übereinstimmung dieser Verbindung mit der Natur. Was dem Gemälde einen besonderen Stellenwert innerhalb der Kunst zukommen lässt, ist die neuartige und liebevolle Darstellung der Eheleute. Entgegen der üblichen Tradition sind beide individuell, gleichberechtigt, zugewandt. Auch ein wenig Erotik ist in dem Goldband versteckt, welches von Rubens Fuß zur Scham der Dame führt, sie lächelt kokett und hat wohl nichts dagegen. Die Ehe brachte drei Kinder hervor, von denen zwei die Eltern überlebten.


Es könnte sein, dass das Gemälde im Jahr der Eheschließung 1609 entstanden ist und als Liebesportrait diese Hochzeit festhalten wollte, es gibt aber auch, aufgrund stilistischer Eigenarten und der Tatsache, dass Rubens sich hier als Edelmann mit Schwert zeigt, die Theorie, dass das Entstehungsjahr 1612 wahrscheinlicher ist. Dieses Privileg war nämlich dem Adel vorenthalten. Eine vorherige Darstellungen in dieser Art wäre womöglich ein Affront gewesen. 1612 wurde Rubens dann tatsächlich in den Adelsstand erhoben. Ein solches Doppelporträt könnte mit diesem Ereignis zusammenfallen und so den Status sichern und bezeugen. Auch die Maße sprechen für sich: obwohl das Werk aus unbekannten Gründen beschnitten wurde, misst es immer noch 178 x 136,5 cm und zeigt die beiden dementsprechend nahezu lebensgroß. Der Hut allerdings hat ein wenig Material lassen müssen. Leider starb Isabella mit nur 36 Jahren, Rubens heiratete später ein zweites Mal.


Peter Paul Rubens - Die Geißblattlaube

Öl auf Leinwand, 1609 / 1612, 178 x 136,5 cm, Alte Pinakothek, München


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