Paul Gauguin - La Orana Maria

von Alexandra Tuschka


Eine schöne exotische Frau im roten Kleid steht am rechten Bildrand und lächelt uns milde an. Ein nackter Knabe sitzt auf ihrer Schulter und lehnt sich entspannt auf ihren Kopf. Beide haben einen Heiligenschein durch einen einfachen gelben Kreis angedeutet. Zwei Frauen im Bildmittelpunkt nähern sich den Gestalten mit gefalteten Händen. Außer ihren Wickelrücken tragen sie nichts. Links ist eine Engelsfigur schemenhaft hinter einer Pflanze zu sehen. Das ganze findet in einem Außenraum voll wilder Vegetation statt; Kokospalmen und Malven zeugen von der üppigen tropischen Pracht. Unten sind Bananen zu sehen und der Bildtitel "La Orana Maria".

Dieses Bild vereint auf den ersten Blick die klassische Ikonografie der Maria mit dem Jesusknaben mit der neuartigen und einzigartigen Handschrift eines Gauguins - der auf Tahiti seine neue Heimat und Inspirationsquelle gefunden hatte. Auch der Titel kombiniert diese beiden Elemente "La Orana" war der traditionelle Gruß auf Tahiti; die Maria die wichtigste Frauengestalt des Christentums. Mit dieser Zusammenfügung lässt sich der Satz mit "Gegrüßt seist du Maria" übersetzen und spielt damit eindeutig auf die Verkündigungsszene an Maria durch den Engel Gabriel an. Dieser ist wohl in der Figur links gemeint. Allerdings ist diese Verkündigung völlig überflüssig, wie wir an dem leibhaftigen Heiland sehen, der hier bereits im Kleinkindalter zu sehen ist. Die Früchte zu Marias Füßen sind in sogenannten "Fatas" angeordnet, Schalen, um Göttern Opfer darzubieten.

Es ist das erste größere Gemälde, welches Gauguin nach seiner Umsiedlung nach Haiti malte. Die zwei betenden Frauen sind dem Tempel auf Java in Borobodur entlehnt. Der dort wohnende Volksstamm der Mataiea war nicht, wie von Gauguin gesucht "primitiv", sondern schon vor seiner Ankunft durch Missionare mit dem christlichen Glauben konfrontiert worden. Er selbst wuchs bis zum 6. Lebensjahr in Peru auf und begann, nachdem seine Ehe und seine Karriere in Paris als Börsenmakler scheiterte im Entstehungsjahr des Werkes 1891 ein neues Lebenskapitel auf Tahiti.


Hier fand er den für ihn typischen Stil, der sich durch flächige, starke Farben, kaum Plastizität und den Verzicht von Licht und Schatten auszeichnet. Dies ist nur das erste einer ganzen Reihe von Bildern, die einerseits die Schönheit des unberührten Naturparadieses zeigen, andererseits mit angestammten Bildtraditionen spielen.


Paul Gauguin - La Orana Maria

Öl auf Leinwand, 1891, 109 x 86 cm, Metropolitan Museum of Art, New York


Unbekannt - Prinz Siddharta Gautama rasiert sich die Haare vom Kopf als Zeichen dafür, dass er seinen Status als Ksatriya (Kriegerklasse) ablehnt und ein asketischer Einsiedler wird. Seine Diener halten sein Schwert, seine Krone und seinen fürstlichen Schmuck, während rechts sein Pferd Kanthaka steht

Flachrelief-Tafel in Borobudur, Java, Indonesien

Foto von Gunawan Kartapranata, 2007

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