Nicolas Poussin - Et in arcadia ego

von Alexandra Tuschka

Ein massiver Grabstein befindet sich inmitten einer schönen Landschaft. Grund genug für die drei Hirten und die schöne, monumentale Frau, einmal Halt zu machen und genauer hinzusehen. „Et in arcadia ego“ steht als Inschrift im Stein, den der dunkelhaarige Hirte nun entziffert. Dieser Ausspruch wird auch zum Titel des Gemäldes, manchmal findet man es auch als „die arkadischen Hirten“ bezeichnet. Der rechte Mann hat eine Zeigegeste eingenommen – allerdings deutet er nicht auf die Inschrift, sondern auf den Schatten des Mittleren – ein wichtiges Detail. Er dreht sich fragend, und ein wenig ängstlich zur Frauengestalt um. Diese ist anmutig, hat ein schönes Profil, welches dem Ideal der Antike entspricht und scheint völlig ruhig und unaufgeregt auf die Szene zu blicken. Einen Arm hat sie in die Seite gestützt, den anderen auf den Hirten gelegt. Auch die Kleidung der Personen entspricht nicht der Zeit ihrer Entstehung 1638. Vielmehr sind hier antike Kleidungsstücke zu erkennen, besonders gut wird dies an den Schuhen und der Dame deutlich.

Poussin, ein Vertreter des Klassizismus statuiert mit diesem Bild ein Exempel. Sein Studium in Rom brachte ihn in Kontakt mit römischer und griechischer Antike. Diese Themen haben in sein Ouevre Einzug gehalten. Die meisten seiner Motive entstammen der antiken Mythologie.


So auch Arkadien, von dem hier die Rede ist, welches u.A. auf eine Beschreibung bei Vergil zurückzuführen ist. Es entspricht in der dichterischen Phantasie einem Ort ohne Sorgen und voller Freuden. Was also bedeutet die Grabinschrift? "Et in arcadia ego"- kann übersetzt werden mit „Auch ich bin in Arkadien“ Wer aber ist dieses „Ich“? Ist es der Tod selbst oder womöglich die Person, die nun in dem Grab liegt?

Aufschluss hierüber können Bildvorläufer geben. So hat Guernico bereits einige Jahre vorher das Motiv auf Leinwand gebannt und macht viel deutlicher, welche Botschaft in diesem Ausspruch verstanden werden soll. Zwei Hirten beschauen sich einen Totenkopf auf einem Grab. Dieses überaus plakative Vanitassymbol erleichtert das Verständnis. Nun wird deutlich, dass es hier um eine Botschaft geht, die wir aus der Kunst nur allzu gut kennen: "memento mori - bedenke, dass du sterblich bist." Denn selbst wenn Arkadien ein Ort voller Freude und Leichtigkeit ist, so kann dem Tod niemand entrinnen, nicht mal diejenigen, die sich dort befinden.

Auch eine erste Version des Bildes von Poussin selbst macht die Szene besser verstehbar. Die drei Personen, zwei Hirten und eine Frau scheinen unerwartet auf ein Grab zu stoßen. Mit Neugier und Ehrfurcht entziffern sie die Inschrift. Die Figur vorne ist eine Personifikation des Flußes Alphaios, der durch Arkadien fließt. Auch hier fehlt der Totenkopf nicht, und ist noch gut sichtbar auf dem Deckel abgelegt.


In der späteren Version ist dieser komplett gewichen. In diesem Bild wird die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit nicht mehr mit Angst betrachtet, sondern mit ruhigem Einverständnis. Alle Gesten und Blicke deuten auf diese Bildmitte. Hier ist ein weiteres pikantes Detail bemerkbar: der Schatten des knienden Mannes hat Ähnlichkeit mit einer Sichel. Dass sein Gegenüber auf den Schattenriss zeigt, und nicht auf die Inschrift, wurde mit allerlei weiteren Fragen in Verbindung gebracht, bspw. ob hier in der Frauenfigur die "Pittura", die Malkunst, personifiziert ist, und das Deuten auf den Schatten einer Entdeckung der Malerei (also des Abbildes von etwas) entspricht. Auch der Schatten als Symbol für den Tod ist plausibel. Nicht von der Hand zu weisen ist der deutliche Eindruck, dass die Frauenfigur stoisch und etwas entrückt im Vergleich zu den Männern wirkt. In der ersten Version ist sie noch, den Begleitern ähnlich, von einer bewegten Emotion erfasst.


Die Suche nach universellen, immer gültigen Regeln und Formen der Ästhetik war eines der Hauptanliegen Poussins. Dem ordnete er alles andere unter. Dieses Verständnis von Schönheit, die bestimmten Regeln unterliegt, zeichnet sich auch in diesem Werk ab und war maßgeblich für das Verständnis der Akademien in Frankreich bis Ende des 19. Jahrhunderts.


Obwohl es auf den ersten Blick nicht so erscheint, ist das gesamte Bild wohl durchkomponiert. Seiner Entstehung ging eine lange Beschäftigung mit dem Motiv voraus: Poussin schuf kleine Federzeichnungen und sogar Wachsfiguren, die er auf einer Bühne anordnete, aufgrund derer weitere neue Zeichnungen entstanden. Daher kann auch diesem Werk eine gewisse "Bühnenhaftigkeit" nicht abgesprochen werden. Die Personen um das Grab entsprechen grob einer Kreis- oder um genauer zu sein einer Hektagonform.


Eingebettet ist die ganze Szene in das sinnliches Dämmerlicht eines Sonnenuntergangs. Somit kommt eine weitere unnatürliche Lichtquelle ins Spiel, welche die Vorderszene flächig beleuchtet. Die Bäume liefern ein filigranes Gitter von Senkrechten. Auch auf Poussins Grabmal befindet sich ein Gipsabbild seines wohl berühmtesten Werkes.


Nicolas Poussin - Et in Arcadia ego

Öl auf Leinwand, um 1638, 85 x 121 cm, Musée du