Nachfolger Hieronymus Bosch - Die Kreuztragung

von Alexandra Tuschka

Eine wilde Menge von Figuren tummelt sich auf dem Bildgrund, von denen viele Gesichter karikierend und entstellt wirken. Die Überschneidungen der Personen sind so prägnant und erbarmungslos, dass kaum Tiefenraum entsteht, sondern stattdessen ein recht flächiges Gemälde vorzufinden ist, welches zudem nichts darüber preisgeben möchte, wo wir uns befinden. Im Bildmittelpunkt findet das von soviel Hässlichkeit geschundene Auge endlich Halt. Jesus, demütig und ruhig, hat die Augen geschlossen und sein Kreuz umfasst. Fast zärtlich schmiegt er seine Wange an das helle Holz.


In allen vier Bildecken finden wir weitere bekannte Personen, zwei von ihnen sind weniger gruselig, die Dame unten links sogar richtiggehend hübsch. An ihrem Attribut - dem Schweißtuch mit dem Abbild Jeus - erkennen wir hier mühelos Veronika, die ihren Namen einer biblischen Episode verdankt. Sie war bei der Kreuztragung anwesend, wischte Jesu den Schweiß vom Gesicht und fand dann sein Antlitz auf diesem wieder. Ihr Name "Vera icon" bedeutet "wahres Bild". Auch Simon von Cyrene, ein Fremder, der laut der Bibel gezwungen wurde, das Kreuz mit Jesus zu tragen, ist hier ausschnittweise zu sehen. Die Perspektive ist hier freilich stark verzerrt, dennoch kommt Simon nur mit Mühe an den Kreuzbalken. Seine Nasenlöcher sehen wir gut, von den Augen keine Spur.

Die zwei Männer oben und unten im rechten Bildteil sind die zwei Schächer, die mit Jesus zusammen gekreuzigt werden. Ihre Namen sind Dismas und Gestas, sie werden im apokryphen Nikodemusevangelium erwähnt. Dismas wendet sich kurz vor seinem Tod Jesus zu und wird errettet, er ist oben rechts zu sehen, grau und nicht ganz anwesend, aber zumindest menschlicher gezeichnet als seine Umgebung. Ihm gegenüber befindet sich ein dafür umso deutlich deformierterer, zahnloser Mönch. Unten rechts dann ist Gestas zu sehen, der im Quelltext Jesus noch am Kreuz verspottet. Hier wurde ihm bereits der Strick um den Hals gelegt, drei fiese Gesichter stellen sich ihm entgegen und verhöhnen ihn. Er knurrt.

Wirkt das Gemälde auch chaotisch, ist die Komposition wohl durchdacht. Das Format ist nahezu ein Quadrat, Jesus befindet sich im Bildmittelpunkt, beide Bilddiagonalen sind hervorgehoben und weisen auf ihn, einerseits durch das Kreuz, andererseits durch die Männer, die sich diesbezüglich formieren. Auch bilden die restlichen Personen weitere diagonale Linien. Zusammen mit der Tatsache, dass wir die Mehrzahl der Männer nach rechts schauend vorfinden, wirkt auch die Masse, als würde sie sich träge nach rechts bewegen, dem Mann in Rüstung folgend, der hier die Richtung angibt. Wohin, woher? Der wissende Betrachter kann es erahnen, das Bild verzichtet jedoch auf jegliche Schilderung der äußeren Umstände. Vielmehr schien es dem Künstler darum zu gehen, der inneren Hässlichkeit der Menschen auch im Außen Form zu geben. Veronika und Jesus haben die Augen geschlossen und sind somit in gewisser Hinsicht unantastbar. Die Verspottenden hingegen werden gerade durch ihre Verspottung entstellt und somit für uns - den Betrachter - selbst zum Objekt der Lächerlichkeit. Das Interesse, Menschen in entgleisten Zuständen zu zeigen entwickelte sich in den Niederlanden des 16. und 17. Jahrhunderts, womöglich durch Leonardos Studien der "grotesken Köpfe" zu einer eigenständigen Bildgattung, den "Tronien". In diesem Werk dienen die gruseligen Charakterköpfe sicher auch dazu, um den Kontrast zu Jesus und Veronika aufs Äußerste zu steigern. Dass der Künstler hier weiterhin einige Berufsstände erkennbar zeigt, macht deutlich, dass die Entstellung vor Niemandem haltmacht und ist natürlich auch eine Kritik bspw. am Klerus, der zu dieser Zeit zunehmend in die gesellschaftliche Kritik geriet.

Dieses Hineinzwängen vieler Personen in den Bildgrund ist selten, bemühten sich doch viele Künstler dieser Zeit um die meisterliche Beherrschung der Perspektivdarstellungen und um die Illusion des realistischen Tiefenraums. Wir kennen ähnliche Menschenmengen bspw. von Lucas van Leyden, der bei seinen "Schachspielern" ebenso gedrängte und ein wenig überzogene Figuren zeigt, wenngleich nicht in der hier vorfindbaren Drastik. Ebenso wird der Tiefenraum stark gebremst und uns fällt es schwer, irgendeine plausible Interaktion zwischen den Dargestellten auszumachen. Vielmehr mag den Künstler hier - wie auch in unserer "Kreuztragung" - das Übertreiben der Physiognomien interessiert haben, was dann regelrechte "Menschentypen" hervorbringt und das Bildthema variantenreich und interessant macht.


Lange Zeit galt "Die Kreuztragung" als ein Spätwerk des Maler Hieronymus Bosch, reihte es sich doch reibungslos in dessen skurrile Schreckensszenarien ein; das Groteske, das Karikierende sind Elemente, die uns von Boschs Ouevre vertraut sind. An dieser Zuordnung wurden jedoch auch immer wieder Zweifel geäußert, da sich viele stilistische Merkmale doch von der Handschrift des berühmten Malers unterschieden. Diese wurden dann im Oktober 2015 auch offiziell vom Bosch Research and Conservation Project bestätigt Seitdem gilt das Werk als das eines unbekannten Nachfolgers. Berühmterweise sagte der Museumdirektor im Zuge dieser Aberkennung versöhnend, dass - selbst wenn das Werk nicht von Bosch sei - es von einem größeren Genie als Bosch sein müsse.


Nachfolger Hieronymus Bosch - Die Kreuztragung

Öl auf Holz, ca. 1510, 76,7 x 83,5 cm, Museum of Fine Arts, Gent


Leonardo da Vinci - Studie zu grotesken Köpfen

Bleistiftzeichnung, ca. 1490, 26 x 20 cm, Royal Library, Windsor Castle


Lucas van Leyden - Die Schachspieler

Öl auf Holz, um 1508, 27 × 35 cm, Gemäldegalerie in Berlin


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