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Max Beckmann - Odysseus und Kalypso

von Alexandra Tuschka

Mit den Armen hinter dem Kopf verschränkt blickt der rothaarige Odysseus der Nymphe Kalypso entgegen. Sie hat ihre Hände auf seiner nackten Brust, ist außer ein wenig Schmuck nicht bekleidet und scheint sich für einen Kuss zu nähern. Odysseus hat seine Beinschoner und seinen Helm an, ansonsten scheint auch er nackt zu sein, wenngleich die Körperhaltungen die Sicht auch die Intimbereiche verdecken. Das Schild und das Schwert befinden sich hinter ihnen; das Bett ist mit einem einfachen weißen Laken ausgekleidet. Haben die beiden ihr Liebesspiel bereits beendet oder muss die Dame den Herren noch ein wenig motivieren? Hoffentlich haben die anwesenden Tiere nicht gestört, denn ein Kakadu, eine Katze und eine Schlange haben sich in das Bild gestohlen. Wir schauen leicht von unten auf die intime Szene.


Homers Schilderung der Odyssee gibt Aufschluss über das Dargestellte. Odysseus landete recht am Ende der langen Irrfahrt auf der Insel der Nymphe Kalypso, die sich sogleich in ihn verliebte. Sie versprach ihm gar Unsterblichkeit, falls er bei ihr bliebe. Odysseus aber liebte seine Frau Penelope, die er seit über einem Jahrzehnt nicht gesehen hatte und lehnte ab. Nichtsdestotrotz verbrachte er 7 Jahre bei Kalypso, bevor er mit Hilfe der Götter endlich weiterziehen durfte. Dass er hier schon Teile seiner Rüstung angelegt hat, spricht dafür, dass die Abreise kurz bevorsteht. Mit nur wenig Phantasie gleicht das Schwert auch einem Uhrenzeiger.


Das Bildthema "Odysseus und Kalypso" gibt es in verschiedenen Varianten; während einige Künstler den Fokus auf die Idylle legten und beide in üppigen Paradiesumgebungen zeigen; schildern andere das Thema spannungsvoller. Dann geht es, wie hier, um das Ausgeliefertsein des Mannes an die Lüste der Frau, das Umschlagen erster Begierde in ein Gefangen sein. Zugleich wird der hoffnungslose und vehemente Versuch der Kalypso thematisiert, die einen Mann zu sehr liebt, der diese Liebe nicht erwidert. Es ist tragisch, dass Kalypso auf ihrer Insel eigentlich alles bieten kann und dennoch den Liebsten ziehen lassen muss. Liebe lässt sich eben nicht erzwingen.


Beckmann integriert die Katze, die symbolisch für die weibliche Lust und ungezügelte Sexualität steht. Freilich ist auch die Schlange, als Symbol der ersten Verführung und Verführerin Eva in diesem Zusammenhang zu deuten. Das schlängelnde Tier untermauert zudem den Eindruck des Festhaltens. Dieser Odysseus scheint eher gleichgültig als abweisend zu sein, obwohl Kalypso von den Künstlern durchweg als schöne und erotische Frau gezeigt wird.


Beckmann schuf das Gemälde 1943, als er sich bereits im Exil in Amsterdam befand. Schon seit 1933 wurde Beckmann von den Nazis verschmäht und seine Kunst als "entartet" betrachtet. Von 1940 bis 1947 lebte er in Amsterdam, bis schließlich seine Ausreise in die USA genehmigt wurde. Dort war er noch drei Jahre äußerst produktiv, bis er schließlich im Jahr 1950 in New York verstarb. Viele der Werke beschäftigen sich mit den griechischen Sagen und wurden von Beckmann in seinem unverkennbaren expressionistischen Stil wiedergegeben. Dieses Werk nannte er zuerst nur "Großes Liebespaar", bis er ihm schließlich den heutigen Titel gab.


Max Beckmann - Odysseus und Kalypso

Öl auf Leinwand, 1943, 150 x 115,5 cm, Kunsthalle, Hamburg


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