Marcantonio Raimondi - Das Urteil des Paris

von Alexandra Tuschka


Ein bekanntes Beispiel des Themas «das Parisurteil», welches die diesbezügliche Ikonographie in Italien nachhaltig prägte, ist der Kupferstich von Marcantonio Raimondi. Allerdings geht die Bildkomposition auf eine Zeichnung Raffaels zurück, der Raimondi beauftragte, diese in das graphische Medium zu übertragen. Athena, die ihren Helm und das Schild bereits zu ihren Füßen abgelegt hat, fängt den Betrachterblick in der Bildmitte. Die schöne Silhouette ihrer weiblichen Rundungen ist von hinten zu sehen. Durch ihre nach links geöffnete Körperhaltung vermittelt sie zu der Hauptaktion des Stiches. Aphrodite, die Frau links neben ihr ist erkennbar an dem kleinen Amor, der an ihrer Draperie zupft. Sie übernimmt den Apfel aus den Händen Paris, der auf einem Stein sitzt und die Schönheit ehrfürchtig ansieht. Hund und Hirtenstab umgeben den muskulösen Jüngling. Er trägt eine phrygische Mütze als Hinweis auf seine asiatische Herkunft. Hier ist die Entscheidung also bereits gefallen. 

Natürlich ist auch Hera in der Teilszene zugegen. Ihr Attribut , der Pfau, hat sich zwischen Paris und sie positioniert. Der Götterbote Hermes ist im Hintergrund zu sehen. Zwei Personengruppen aus Halbgöttern und Nymphen flankieren das Bild. Es sind jeweils drei Personen, von denen sich eine in ihrer Körperwendung von den anderen absetzt. Auch am Himmel ist allerhand los. Ein Engel kommt herbei, um die Schönste auch symbolisch mit einem Siegeskranz zu ehren. Mittig öffnet sich der Himmel für den Einzug des Sonnengottes Apollon. Rechts fährt der thronende Zeus imposant ins Bild. Er hat die Entscheidung, wer die Schönste sei, an Paris abgegeben.


Dass der Graphik durch die vielen nackten Körper ein sexueller Gehalt innewohnt, ist recht leicht nachvollziehbar. David Lang Clark wollte gar in den Handhaltungen von Venus und Paris den Akt der Selbstbefriedigung erkennen. Beide Protagonisten würden somit auf der Leinwand ausleben, was dem Betrachter nur vor der Leinwand möglich sei.1 Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Raffael auf die feste Formdarstellung der antiken Venus Pudica in der Zeichnung angespielt hat.


Besonders die recht raumfüllende Gruppe rechts zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters von der eigentlichen Haupthandlung des Stückes ab. Dies lässt vermuten, dass es dem Künstler nicht ausschließlich um die Darstellung des Parisurteils ging, sondern dass das Studium des Körpers mit einer historischen Szene verknüpft werden sollte. Raffael entnahm einige der Körperhaltungen antiken Reliefs. Antike Originale wurden so zu originellen Neuschöpfungen.


1http://venice.umwblogs.org/exhibit/veronica-franco-courtesans-and-venuses/marcantonio-raimondi-judgement-of-paris/#_ftn1


Marcantonio Raimondi - Das Urteil des Paris

Kupferstich, ca.1515/16, Staatsgalerie in Stuttgart

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