John William Waterhouse - A Mermaid

von Sarah Baur

Wie auch seine präraffaelitischen Vorgänger, fand der englische Maler John William Waterhouse oft in Literatur und Poesie die Inspiration für seine Kunstwerke. So auch bei A Mermaid von 1900, das gerne mit Alfred Lord Tennysons Gedicht The Mermaid von 1830 in Verbindung gebracht wird:

„Who would be A mermaid fair, Singing alone, Combing her hair

[...]

I would be a mermaid fair; I would sing to myself the whole of the day; With a comb of pearl I would comb my hair; And still as I comb'd I would sing and say, 'Who is it loves me? who loves not me?'“

In dem Gemälde spiegeln sich diese Verse teilweise wieder. Eine Meerjungfrau – erkenntlich durch ihren schimmernden Fischschwanz – sitzt an einem Strand voller Kieselsteine und Algen-behangenem Gestein. Mit ihrem Körper seitlich zum Betrachter, kämmt sie ihre langen rot-braunen Haare. Dabei blickt sie gedankenversunken, mit leicht zum Gesang geöffnetem Mund, am Betrachter vorbei in die Ferne, während hinter ihr imposante Felsen aus dem tiefblauen Meer emporragen. Vor den Knien der Nixe befindet sich eine große glänzende Muschel als Schale aus der einige Perlenketten heraushängen.


Das Werk war Waterhouses Diplomarbeit, die er nach seiner Aufnahme in die Royal Academy als Akademiker dort einreichte. Er brachte hierin deutlich die Melancholie zum Ausdruck, die bereits bei den Viktorianern mit dem Schicksal der Meerjungfrauen verhaftet war: nämlich deren Sehnsucht nach menschlicher Liebe. Nicht nur Tennysons A Mermaid sondern auch Hans Christian Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau von 1837 erweckte diese Tragik. Gleichzeitig sei jedoch nicht zu vergessen, dass faszinierenden Meereswesen auch tödliche Eigenschaften zugeschrieben wurden. Auch wenn Waterhouse seine Meerjungfrau in der von Felsen umgebenen Bucht isoliert und verletzlich darstellte, lässt er unterschwellig den Gedanken an verführerischen Sirenen mitschwingen, die in einigen Geschichten mit ihrem Gesang Seefahrern zum Verhängnis wurden. Darauf sollen auch die Perlen deuten, da diese im Volksglauben aus Tränen verstorbener Seefahrer entstanden.


Das Art Journal kommentierte 1901 nach der ersten Ausstellung des Gemäldes:


„But the conception is charged with romance, the line with rhythm. The wistful-sad look of this fair mermaid, seated in her rock-bound home […]. It tells of human longings never to be satisfied...The chill of the sea lies ever on her heart; the endless murmur of waters is a poor substitute for the sound of human voices; never can this beautiful creature, troubled with emotion, experience on the one hand unawakened repose, on the other the joys of womanhood.“


Waterhouse schuf mit seiner Meerjungfrau ein Werk von zeitloser Qualität dessen melancholische Tiefe den Betrachter verführt einzutauchen und die Gedanken treiben zu lassen.


John William Waterhouse - A Mermaid

1900, 98 x 67 cm, Öl auf Leinwand, Royal Academy of Arts, London


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