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John Singer Sargent - Vergast

von Alexandra Tuschka


Zehn Soldaten, locker hintereinander gereiht, bahnen sich vorsichtig von links nach rechts ihren Weg auf einem Holzsteg durch den Bildgrund. Dabei sind sie auf dem langgezogenen Format als Ganzkörperfiguren im Profil zu sehen. Das Besondere: fast alle tragen Augenbinden und sind offenbar erblindet. Nur ein Sanitäter, rechts und von hinten zu sehen, leitet die Kameraden in die richtige Richtung. Die Hilflosigkeit der Männer wird besonders in dem Mann deutlich, der sein Bein viel zu hoch anhebt, um über ein kleines Hindernis zu steigen. Eine weitere Gruppe, ganz ähnlich zur vorderen, bewegt sich im Hintergrund; einer von ihnen erbricht sich. Rechts im Bild sind die Zeltleinen eines Verbandsplatzes zu sehen. Vorne und hinten stapeln sich weitere Soldatenkörper, stark verwundet, einige womöglich schon tot und ebenso geblendet.

Im linken Hintergrund erkennt man das Zeltlazarett. Der Himmel ist grau durchtränkt und unterstützt die trostlose Stimmung. Nur die volle Sonne scheint etwas Trost in der Szene unterbringen zu wollen. Bei genauerem Hinsehen, erkennt man in der kleinen Lücke, die zwischen dem 4. und 5. Soldaten zu sehen ist, Fußball-spielende, unverletzte Kameraden. Dies erscheint als starker Kontrast, aber auch als grundlegendes Prinzip, welches viele Kriegsverwundete nach ihrer Rückkehr machen mussten: das Leben ist für die anderen weitergegangen. Wer für seine Krankheiten allzu viel Hilfe oder Anerkennung von Staat oder Gesellschaft erhoffte, wurde meist bitter enttäuscht.

Der englische Maler John Singer Sargent wurde 1918 vom britischen Informationsministerium beauftragt, ein Gemälde zur anglo-amerikanischen Zusammenarbeit im 1. Weltkrieg für eine geplante Gedenkstätte zu malen. Ein Besuch an der Front, bei dem Sarget den durch Senfgas geblendeten zahlreichen Soldaten, begegnete, beeindruckte ihn so stark, dass er das Thema mit Zustimmung änderte. Zahlreiche Skizzen entstanden, bis sich schließlich diese Komposition herauskristallisierte. Sargent schrieb: "How can one do an epic without masses of men? … one a harrowing sight, a field full of gassed and blindfolded men."


Die hier gezeigte Situation spielte sich an der Westfront in Frankreich ab, wo deutsche Soldaten oft Angriffe mit Senfgas verübten, hier vermutlich in der zweiten Schlacht von Arras, die in die Zeit von Sargents Besuch an der Front fiel. Die vereinzelt zu sehenden Gasmasken hielten den ausgeklügelten Waffen oft nicht ausreichend stand, zumal sie mit ätzenden "Maskenbrechern" zersetzt waren, die das Tragen der Masken unerträglich machten. Aber auch Haut und Kleidung konnten das Gift aufnehmen, so dass die Soldaten dem Gas nahezu chancenlos gegenüberstanden. Immerhin ein Wermutstropfen ist daher, dass die Senfgasvergiftungen recht gute Heilungschancen hatten und oft nicht zu einer anhaltenden Erblindung führten.


John Singer Sargent - Vergast

Öl auf Leinwand, 1919, 231 y 611 cm, Imperial War Museum, London


Thomas Keith Aitken - Verwundete Soldaten

Fotografie, 10 April 1918

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