John Singer Sargent - Madame X

von Sarah Baur


In dem Gemälde Madame X von John Singer Sargent ist in relativ monochromen Kolorit eine Dame in einem schwarzen freizügigen Abendkleid porträtiert. Der Künstler betonte durch ihre dynamische Kontraposthaltung die Konturen ihres speziellen Profils und Nackens sowie die der Schultern und Arme, die sich durch das helle Inkarnat deutlich vom dunklen Hintergrund abheben. Diese spannungsgeladene Pose strahlt so auf den Betrachter Eleganz, Selbstsicherheit und trotz der abgewandten Haltung auch eine verführerische Anziehungskraft aus. Auf der ersten Fassung des Gemäldes, die auch so im Pariser Salon ausgestellt wurde, ist außerdem der linke Träger des Kleides aufreizend von der Schulter gerutscht dargestellt. Für damalige Geschmäcker ging dies dann doch einen Schritt zu weit und wurde von Sargent später revidiert. Die Eleganz der Silhouette der Dargestellten unterstreicht dennoch den emblematischen Effekt, den die wenigen dekorativen Elemente evozieren. Sie sind allesamt mit klassischen Assoziationen behaftet: Die Tiara in Form einer Mondsichel war von der Porträtierten selbst ausgesucht worden und ist ein typisches Attribut der griechischen Göttin Artemis (röm.: Diana) – die jungfräuliche Göttin des Mondes und der Jagd. Die Tischbeine verlaufen nach oben hin bei genauerer Betrachtung in geflügelte Sirenen – femme fatales aus der griechischen Mythologie, die Seefahrer in ihr Verderben stürzten. So stellte Sargent sie sowohl als erhabene Göttin als auch als verführerische femme fatale dar. Das und der neutrale Bildgrund lassen die Madame für den Betrachter unnahbar und geradezu fantastisch wirken.

Bei der Dargestellten handelte es sich um Madame Virginie Gautreau. Sie war, wie Sargent auch, Amerikanerin und lebte in Paris, wo sie den Banker Pierre Gautreau heiratete. Als „It-girl“ ihrer Zeit, stand sie oft im Mittelpunkt von Klatsch und Tratsch der Pariser Gesellschaft und war bekannt für ihre ungewöhnliche Schönheit und den bläulichen Teint ihrer Haut. Historiker gehen sogar davon aus, dass Madame Gautreau wohl kleine Mengen Arsen zu sich nahm, um diese Tönung zu erhalten. Auch Sargent war ebenso fasziniert von dieser geheimnisvoll exzentrischen Persönlichkeit, mit ihrem markanten und erotischen Auftreten. Er hatte, wie er selbst sagte, ein großes Verlangen ihr Porträt zu malen, welches eine Hommage an ihre Schönheit werden sollte. So entstand das Porträt also nicht aus einem Auftrag der Abgebildeten selbst, sondern aus der Faszination des Künstlers heraus.


Der Malprozess war allerdings nicht von ganz so kurzer Dauer, wie Sargent ursprünglich angedacht hatte, da sowohl Madame Gautreau, seinen Überlieferungen zu Folge, ein eher unruhiges Modell war, aber auch Sargent sich schwer tat eine geeignete Pose zu finden, die seinen Vorstellungen gerecht werden konnte. Tatsächlich ist die endgültige Pose nicht unbedingt typisch für die Porträts des Künstlers. Letztendlich fertigte er so ca. 30 Studien und Skizzen an bevor Madame X in der finalen Fassung entstand.

Als verhängnisvolle femme fatale malte Sargent die Madame und so wurde das Gemälde sogar ihm selbst in gewisser Weise zum Verhängnis. Aber Sargent war sich des Risikos bewusst, als er das Porträt 1884 im Pariser Salon ausstellte. Er gab daher auch den Namen von Madame Gautreau im Titel nicht bekannt, um ihre Anonymität zu wahren, sollte es zu spöttischem Gerede kommen. Und das tat es.

Für die Pariser Gesellschaft und den konventionellen Geschmack, war die merkwürdig wirkende Hautfarbe und die allzu aufreizende Darstellung der Dame nämlich so unangebracht und bizarr, dass das Gemälde allerhand Kritik erntete. Auch blieb die Identität der Dame aufgrund deren Bekanntheit kein Geheimnis.


Ralph Curtis, einer Malerfreund Sargents, beschrieb, dass Sargent es vermied bei der Ausstellung Freunden oder Kritikern zu begegnen. Curtis selbst war von der Farbgebung, die seiner Meinung nach den Eindruck einer Leiche erweckte, enttäuscht, ebenso wie die weiblichen Besucher, die es als regelrechten Horror empfanden.


Ralph Curtis: „[...] found him dodging behind doors to avoid friends who looked grave. By the corridors he took me to see it. I was disappointed in the colour. She looks decomposed. All the women jeer 'Ah voila ''la belle!'' Oh quelle horreur!' etc.“ [Charteris, Evan: John Sargent, New York 1927, S. 61: Charteris zitiert einen Brief von Ralph Curtis an dessen Eltern]


Es gab nur wenige Zeitgenossen, die dem Werk positiv gegenüber standen, wie zum Beispiel Schriftstellerin Judith Gautier. Sie stellte klar, das Sargent hier weder ein mythologisches Fantasiewesen noch eine groteske Frauengestalt abgebildet hat. Sie sah ein überzeugendes Bild einer modernen Frau, das mit größter Gewissenhaftigkeit von einem Maler, der ein Meister seiner Kunst war, kreiert wurde.

Denn genau darum ging es Sargent in seinen Porträts auch: Die Repräsentation von modernen Persönlichkeiten und die Reflexion der Aktualität existierender Dinge, anstatt irgendwelcher geistigen Abstraktionen.

Judith Gautier: „Est-ce une femme? Une chimère, la licorne héraldique cabrée à l'angle de l'ecu? Ou bien l'œuvre de quelque ornemaniste oriental à qui la forme humaine est interdite et qui voulant rappeler la femme, a tracé cette délicieuse arabesque? Non, ce n'est rien de tout cela, mais bien l'image très exacte d'une femme moderne religieusement copiée par un artiste maître de son pinceau

[Judith Gautier, 'Le Salon (Première Article)', Le Rappel, 1 Mai 1884, in: Ormond / Kilmurray (Hrsg.):

John Singer Sargent. Complete Paintings. (Bd. 1), S. 114]


Dennoch wandten sich im damaligen Paris immer mehr Auftraggeber von Sargent ab und so sah er sich schließlich dazu gezwungen die französische Metropole zu verlassen und stattdessen nach England überzusiedeln.


Das Gemälde Madame X, das mittlerweile sowohl als stilisierte Ikone als auch als Werk von meisterhaftem Realismus gesehen werden kann, strahlt außerdem eine kraftvolle physikalische Präsenz aus und überzeugt den Betrachter durch sein raffiniertes Design. Sargent schaffte hier ein zeitloses Meisterwerk von unkonventioneller Eleganz.


John Singer Sargent - Madame X

Öl auf Leinwand, 1870, 160 x 102,9 cm, Metropolitan Museum of Art, New York


John Singer Sargent - Madame Gautreau Drinking a Toast

1882-83, Öl auf Holz, 41 x 32 cm, Isabella Stewart Gardner Museum, Boston


John Singer Sargent - Madame Gautreau (Madame X)

ca. 1883, Studie, 25,2 x 35,5 cm, Harvard Art Museums, Cambridge USA


f8eda77e7f30ccfbf6e6a0b0f95b23f3.jpg

Persönlichkeitstest

Welcher Künstler passt zu dir?