John Everett Millais – Mariana

von Sarah Baur


Die Präraffaeliten, zu denen auch John Everett Millais zählte, waren dafür bekannt religiöse Themen in ihren Gemälden zu inszenieren. Nachdem das Interesse daran aber verloren zu gehen schien, richtete die Künstlergruppe ihre Aufmerksamkeit auf die malerische Interpretation lyrischer Werke. Dabei durften nicht nur Klassiker wie William Shakespeare vertreten werden, sondern besonders auch die Poesie der Zeitgenossen wie die von Alfred, Lord Tennyson, die so durch ihre Aktualität auch die Begeisterung an den Gemälden bald wieder wachsen lies. Millais' Mariana verbindet in gewisser Weise sogar beide Literaturgiganten. Das Gemälde wurde nämlich durch Tennysons gleichnamiges Gedicht inspiriert, welches wiederum auf einem Charakter des Stücks Measure for Measure von Shakespeare basiert. Tennyson beschreibt in seinem Werk das triste Dasein der Mariana, dass diese auf einem einsamen Anwesen mit dem sehnsüchtigen Warten auf ihren Verlobten Angelo verbringt. Dieser hat das Interesse an ihr jedoch verloren, nachdem ihre Mitgift durch ein Schiffsunglück im Meer versank und sie daher auf das abgelegene Domizil verbannt. Dort hofft Mariana nun tagein tagaus vergeblich auf Angelos Rückkehr.

Bei der Ausstellung des Gemäldes in der Royal Academy 1851, fügte Millais seinem Werk Zeilen des Gedichtes von Tennyson hinzu:


„She only said, 'My life is dreary,

He cometh not,' she said; She said, 'I am aweary, aweary,' I would that I were dead!'“


Das Bild zeigt in mittelalterlichem Ambiente den Blick in Marianas einsame Gemächer. Im Zentrum hat die Protagonistin sich gerade von ihrem niedrigen Hocker aufgerichtet, um für einen Moment von ihrer emsigen Stickarbeit abzulassen. Sie ist in ein tiefblaues schlichtes Samtkleid mit goldenem Gürtel gekleidet und hat ihre blonden Haare in einer einfachen Hochsteckfrisur zusammengefasst. Die florale Tapisserie, mit der sie gerade noch beschäftigt war liegt auf einem schmalen Tisch vor ihr, welcher sich in einer Fensternische befindet. Sie krümmt ihren Körper leicht nach hinten und drückt ihre Hände auf ihren unteren Rücken, um offensichtlich ihre starren Muskeln nach dem langen Sitzen zu entspannen. Mit lethargischem Blick schaut sie aus dem Erkerfenster vor ihr hinaus in eine Gartenlandschaft. Energisch scheint sie die Nadel, in der noch ein blauer Faden hängt, schließlich senkrecht auf den Stoff festgesteckt zu haben. Die Stickerei selbst – ein Blumenmeer auf grünem Grund – spiegelt sich in den herbstlichen Bäumen und Büschen vor dem Fenster wider. Das Laub – ein klares Symbol der Vergänglichkeit und des Verfalls – ist sogar bis in Marianas Zimmer vorgedrungen, in dem sich überall vereinzelte Blätter finden.


Millais nahm sich in seiner malerischen Interpretation des Gedichtes ein paar künstlerische Freiheiten heraus wie zum Beispiel die Stickerei. Diese lässt sich bei der poetischen Vorlage nämlich nicht wiederfinden. Vielmehr könnte Millais hierfür Inspiration aus Tennysons Ballade The Lady of Shalott gezogen haben, deren Protagonistin sich in einer ähnlich misslichen Lage wie Mariana befindet und sich die Zeit mit einer Webarbeit vertreibt. So visualisiert Millais Bild eine Parallele zwischen den beiden Leidenden, die das Leben nur passiv von ihren Kammern aus beobachten, anstatt aktiv daran teilnehmen zu können.


Der Künstler hat sich augenscheinlich aber auch kleinere Details des Gedichtes zu Herzen genommen und malerisch in sein Werk integriert: Denn die Maus in der unteren rechten Bildecke direkt über der Datierung und Signatur des Künstlers, ist eine direkte Anspielung auf das Gedicht:


“All day within the dreamy house,

The doors upon their hinges creak'd;

The blue fly sung in the pane; the mouse

Behind the mouldering wainscot shriek'd,

Or from the crevice peer'd about.“


So trostlos und zerfallend wie Tennyson Marianas Umgebung in seinem Gedicht beschreibt, inszeniert auch Millais ihre Gemächer in seinem stillen Gemälde ohne dabei auf seine künstlerische Expertise zu verzichten. Sowohl der Dichter als auch der Maler beabsichtigten damit, die innere Misere der Protagonistin widerzuspiegeln. Gekonnt bringt Millais einen diffusen herbstlichen Lichteinfall zum Einsatz und beweist seinen Sinn für Detailgetreue, die sich beispielsweise in der präzisen Herausarbeitung von diversen Materialien und Stoffen präsentiert. Die Erdtöne des Herbstes dominieren dabei mit einer klaren Farbintensität das Kolorit des Gemäldes. Das satte Blau von Marianas Gewand kontrastiert so auf harmonische Weise als Hoffnungsschimmer mit ihrer zerfallenden gedämpften Umgebung.


Das warme sanfte Licht der Nachmittagssonne und Marianas Haltung, in der sie sich erschöpft den Rücken streckt, suggerieren, dass sie nicht nur den ganzen Tag an ihrer aufwendigen Stickerei saß sondern auch, dass jeder andere Tag wohl nach gleichem monotonen Muster abläuft. Die Pose die Millais hier für Mariana wählte, weckt zum einen einen dezenten erotischen Reiz durch das Strecken ihres Körpers und der dadurch betonten weiblichen Figur unter dem anliegenden Kleid; zum anderen aber macht die Haltung vor allem deutlich wie gequält Mariana von dem tagelangen Warten und vergebenen Hoffen mittlerweile ist. Dies spiegelt sich ebenso in ihrem Blick wider, der weniger hoffnungsvoll oder erwartend heraus in die ferne Natur blickt, sondern viel eher erschöpft und resigniert hinein in die eigentliche Leere ihres verletzten Herzens. Dieser Blick streift dabei vorbei an einer farbenprächtigen Glasmalerei, die Millais sehr stark an die der Merton College Kapelle in Oxford angelehnt hat. Ein Schriftzug in der seitlichen Scheibe – In coelo quies (Im Himmel ist Ruhe) - lässt anklingen, dass Mariana erst im Tode endlich wieder Frieden finden wird und sie hier im Bild, wie schon im Gedicht, bereits den Gedanken an die tödliche Erlösung hegt:


„She said, 'I am aweary, aweary,' I would that I were dead!'“



John Everett Millais – Mariana

Öl auf Mahagoni, 18151, 59,7 x 49,5 cm, Tate Britain, London

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