John Constable - Das weiße Pferd

von Alexandra Tuschka


Dass ein weißes Pferd zu sehen ist, wie der Titel des Bildes uns verrät, wird auch dem letzten Betrachter aufgefallen sein. Es leuchtet hell in der linken Bildecke und ist erster Blickfang des Bildes. Wie so oft bei Constable ergibt sich daraus aber keine Geschichte. Typisch für den Maler finden wir hier eine schnappschussartige Szene aus dem bäuerlichen Bereich vor. Keine Dramaturgie, kein Höhepunkt – einfach nur die vom Maler geliebte englische Landschaft.


Hier schauen wir auf das Südufer des Flusses Stour in der Landschaft um Suffolk, wo der Künstler geboren wurde. Das Pferd trägt den Lastkahn in der linken unteren Ecke auf einem Treidelpfad zum gegenüberliegenden Ufer. Dort sehen wir schon die Weiterführung des Schlepppfades. Kühe waten in den flachen Gewässern und beleben die Uferlandschaft. Gleich hinter dem Lastkahn befindet sich eine kleine Insel namens "The Spong". Das Haus von Willy Lott, das in Constables "Heuwagen" zu sehen ist, ist in der Mitte links erkennbar.

Constable, der seine Malerkarriere gegen den Willen des Vaters durchsetzen musste, bemühte sich sein Leben lang um die Anerkennung in der Akademie und stand auch in stetiger Konkurrenz zu dem nur ein Jahr älteren Malerkollegen William Turner, der bis heute meist als der kreativere, interessantere und unkonventionellere von beiden angesehen wird. An Constables Bildern mag uns wenig überraschen. Auch finden wir bei Weitem keine „ideale“ Landschaft, wie es bei italienischen Zeitgenossen üblich war, aber dennoch sind die Motive so harmonisch, dass auch kein Element den Betrachter irritieren mag. Vielmehr geht eine immense Ruhe von Constables Bildern aus, die alle ein wenig unaufregend und einander ähnlich erscheinen. Sein bester Freund John Fisher verglich dessen Kunst mit einem Lammrezept, bei welchem man Lamm als Hauptspeise, Lamm als Nachspeise und Lamm als Soße serviert bekommen würde - immer dasselbe. Constable erwiderte mit einigem Selbstbewusstsein, dass er einen Nagel vor sich sehe und alles, was er tun wolle, ist, diesen im Brett zu versenken. Damit drückte er aus, dass er Motive die bildwürdig und schön sind, sehr wohl in dem finden kann, was vor einem liegt: in diesem Fall die Landschaft der Kindheit.


Dieses Werk war das erste der sogenannten „six-footer“ - großformatige Werke von mindestens 180 cm Länge. 1819 reichte er das Bild bei der Akademie ein, die ihn noch im Vorjahr als Mitarbeiter ablehnte. Dieser Kniff - die Bilder einfach größer zu malen als vorher - wirkte. Endlich die erhoffte Anerkennung! Das Werk war ein Erfolg bei den Kritikern und Constable wurde 1819 zum Associate der Royal Academy gewählt. Danach reichte er jedes Jahr ein großformatiges Gemälde ein, zu denen auch sein wohl berühmtestes Werk „Der Heuwagen“ zählt. Zum hier gezeigten Werk ist auch eine lebhafte Ölskizze erhalten geblieben. Constable begann mit dem Skizzieren der Szenen im Freien, aber wegen der Größe der fertigen Gemälde musste er ins Haus kommen, um an dem fertigen Produkt zu arbeiten.


Constable hat England sein ganzes Leben nicht verlassen und auch seine Motivwahl änderte sich nicht gravierend. Seine tiefe Verbundenheit zur englischen Landschaft hat ihm bis heute den Ruf eines der größten englischen Landschaftsmalern eingebracht. Bis heute sagt man in England „Constable-Country“, wenn man von idyllischen Dorflandschaften spricht, die an der Grenze zwischen Suffolk und Essex liegen.


John Constable - Das weiße Pferd

Öl auf Leinwand, 1819, 127 x 183 cm, Frick Collection in New York


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