Joan Brull - Der Traum

von Alexandra Tuschka


Dieses Werk des wohl bekanntesten spanischen Symbolisten Joan Brull heißt nicht nur "Der Traum", sondern lädt auch automatisch zum Träumen ein. Nicht wenige Betrachter empfinden das Werk als "poetisch", "romantisch" oder "meditativ".

Das ganze Bild spielt in einer Naturlandschaft. Der Mond schimmert durch das Grün der Trauerweide, ein stiller See füllt das halbe Bild. Am Ufer wachsen einige Blumen. Durch den diffusen Pinselstrich hat das Werk etwas nebulöses.


Ans Ufer hat sich nun ein Mädchen auf einen Felsen gesetzt. Sie ist nur in im Profil zu sehen, hat die Haare zu einem Dutt gebunden und ein langes, ausladendes, hellblaues Kleid an. Durch die hochgesteckten Haare offenbart sie uns einen Blick auf ihre Schultern und den Hals. Sie scheint gerade den titelgebenden Traum zu haben, an dem der Maler auch den Betrachter teilhaben lässt: in der Ferne, am oder sogar auf dem Wasser haben vier Frauen sich an den Händen genommen und tanzen einen Ringeltanz. Offenbar haben sie großen Spaß dabei. Die eine hat ihren Kopf vor Freude nach hinten geworfen, die bewegten Kleider zeugen von ihren dynamischen Bewegungen. Auch unser Mädchen scheint teilnehmen zu wollen. Seine rechte Hand ist interessiert erhoben und öffnet somit den Körper in Richtung der anderen. Da das Mädchen wach ist, hat dieser Traum eher den Beigeschmack einer "Vision" oder "Imagination" als einem Nachttraum.


Das "Träumen" ist ein verbildlichtes Motiv der geistigen Welt. Hier verschwimmen Traum und Realität auf dem Bildgrund und sind für uns als Betrachter nicht mehr zu unterscheiden, wäre da nicht der Bildtitel, der uns verrät, dass das Mädchen gerade träumt und die Frauen gar nicht echt sind. Obwohl die Szene mythologisch anmutet, bleibt sie geheimnisvoll und uneindeutig. Damit reiht sich Brull in die Riga der Symbolisten gut ein, die als Gegenreaktion auf den strengen Realismus für die Rückkehr zur Mystik und Spiritualität plädierten. Diesen Prozess sieht man Brulls Werken an: sind die frühen Werke noch strengen akademischen Regeln unterworfen, entfernt er sich später zunehmend von diesen.

Die Frauen im Hintergrund kann man mit Hinblick auf Brulls weiteres Werk und auch auf die bekannte Ikonografie als Wald- oder Seenymphen identifizieren. Diese Frauenfiguren gibt es in fast allen mythologischen Traditionen, im keltischen Bereich, im nordischen oder eben im antiken Griechenland und sind auf den Bildträgern bereits seit Jahrhunderten verbreitet. Im Grunde verkörpern sie die Naturseele als Naturgeister, sind dabei aber freilich fürs Auge auch schön anzusehen. Die Nymphen sind oft, aber nicht immer, anonym und namenlos, zahlreich und wunderschön. Das Bekleiden gehört nicht zu ihren Hobbies, ständig kommen sie nackt ins Bild oder nur spärlich mit Blumen oder flatternden Kleidern bedeckt.

Auch die Wahl dieser Gestalten als Bildthema ist typisch symbolistisch, da sie das Übernatürliche ausdrücken und den Gedanken, dass die Natur beseelt ist, verkörpern. Die blauen Blumen, die hier zu sehen sind, mögen Lilien sein, die für Reinheit und Unschuld stehen, ansonsten verzichtet der Maler auf weitere Hilfestellungen zur Interpretation. So bleibt das Bildthema abstrakt und nebulös und drückt mit dieser Verweigerung der eindeutigen Identifikation auch die Qualität eines Traumes aus, der für den Aufwachenden ebenso schwer zu greifen ist und oft nur noch in Umrissen erinnert wird.


Joan Brull - Der Traum

Öl auf Leinwand, 1905, 200 x 141 cm, Museu Nacional d'Art de Catalunya, Barcelona


Antonio Zucchini - Drei Nymphen beim Tanz

Öl auf Leinwand, 1772, 106 cm Durchmesser, Metropolitan Museum of Art, New York


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