James Ensor - Der Einzug Christi in Brüssel im Jahr 1889

von Alexandra Tuschka


Na, hier gilt es genauer hinzusehen. Eine figurenreiche Maskenparade zieht auf uns zu. Hätte der Titel uns nicht verraten, dass wir hier nach Jesus suchen sollen, würden wir uns vermutlich länger von all den wirren Figuren ablenken lassen. Aber nun doch entdecken wir recht präsent auf der Bildmittelachse einen gelben Heiligenschein, der den Heiland identifizierbar macht. Auch reitet dieser auf einem Esel, so dass wir nun keinen Zweifel mehr haben. Den Einzug auf dem Esel kennen wir bereits in der Kunst, hier geht es üblicherweise nach Jerusalem; in unserem Werk aber in die belgische Hauptstadt Brüssel. Auch ist Jesus der einzige mit einem wirklich menschlichen Gesicht, was ihn zudem von der Masse abhebt. Dabei ist nicht bei allen eindeutig, ob es sich bei den anderen um Masken-tragende Personen handelt, oder ob es einfach stark karikierte Gesichter ohne Masken sind. Rechts auf der Bühne sehen wir einen dürren Offiziellen, er überschaut das Geschehen. Er hat wohl bereits zu tief ins Glas geschaut, seine rote Nase ist unübersehbar. Daneben sind einige Clownfiguren, in der Dimension etwas vergrößert.

Das Werk vereint Elemente von Karnevalszügen, Militärparaden, aber auch politischen Protesten und, wie bereits erwähnt, auch religiösen Motiven. Ein Banner mit den Worten "VIVE LA SOCIALE" (frei übersetzt mit "Es lebe das Soziale") bekrönt die gesamte Szene. Dies ist eine Anspielung auf die turbulenten sozialen Unruhen der 1880er Jahre. Ensor selbst war Sympathisant der sozialistischen Bewegungen und unterstützte linkspolitische Ansichten. Vorne leitet eine roter, runder Bischof die Parade aus dem Bildraum heraus und auf uns zu. Dreiecksartig ziehen uns die locker durch die Personen integrierten Fluchtlinien in den Bildgrund hinein. Kein Schatten ist zu sehen, so dass kaum Tiefenraum entsteht und das Werk eher flächig erscheint.

Ensors Auseinandersetzung mit christlichen Themen, besonders mit dem Neuen Testament, nimmt in seinem Ouevre einen zentralen Stellenwert ein. Auch in unserem Jesus vermuten viele Forscher ein Selbstbildnis des Künstlers. Dass sich Ensor mit Jesus identifizierte ist bspw. auch durch das Bild "Kalvarienberg" belegt, in welchem nicht "INRI" (Jesus, der König von Nazareth) - wie sonst- über dem Gekreuzigten hängt, sondern ein provokantes "Ensor". Dass eine solche Darstellung auch blasphemisch aufgegriffen werden kann, ist naheliegend.


Allerdings tritt Ensor auch in eine Tradition ein, die wir bereits bei Dürers Selbstbildnis kennenlernen durften: der Künstler inszeniert sich als Leidensgenosse Jesu, indem man diesem ähnlich wird. Die "imitatio christi" war bereits im Mittelalter ein Grundsatz der Kirche. Er besagt, dass man Jesu als Beispiel nehmen soll und ihm nacheifert. Das ist freilich im übertragenen Sinne gemeint. Manche Künstler allerdings nahmen diese Aufforderung wörtlich.

Auch die Wahl dieses Bildthemas wird zumeist so interpretiert: Jesus wird hier, so wie Ensor in seinem Leben, als verkannter Außenseiter in einer verrückten Gesellschaft gezeigt. Diese suchtet nach buntem Vergnügen und offenbart nun ihre entstellten Fratzen. Jesus wird hier als bescheidener, natürlicher Anführer inszeniert. Die vielen bunten Masken sind nicht nur dem Bildthema geschuldet, sondern das Markenzeichen des Belgiers. Es waren besonders die Großeltern mit ihrem Kuriositätenkabinett, die den jungen Ensor als Kind prägten. Ein Laden voller alter Kleider, Kolonialwaren, Kostümen und Masken.


Aber ein weiteres Detail offenbart die weitere Sinnschicht: das doppeltes "XX", auf das gerade gekotzt wird, ist kein Zufall. Auch kein Zufall ist, dass es so schwer entdecken ist. Denn die "Société des Vingt" oder kurz "Les XX" war eine belgische Künstlervereinigung, die von Ensor mitbegründet wurde. In der Vereinigung stieß er immer wieder auf Kritik, auch dieses Werk wurde von Ensor zur Jahresausstellung eingereicht, aber abgelehnt.

Schade, es wäre sicher eine Genugtuung für den Künstler gewesen, dieses pikante Detail in deren Räumen zu verstecken. Vielmehr setzten sich bei den "XX" der Impressionismus und Pointilismus durch, den Ensor als inhaltsleer betrachtete. Allerdings war es ausgerechnet der Pointilist Seurat, der mit seinem Werk "Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte" eingeladen wurde, welches Ensor als kalt und seelenlos ablehnte. Aber Octave Maus, der Sekretär und Leiter der "Zwanzig" bezeichnete Seurat als den "Messias der neuen Kunst". So kann man den "Einzug Christi in Brüssel 1889" als Aussage verstehen, was der Maler von der Fähigkeit der Kritiker, insbesondere der Künstlervereinigung, den wahren Messias zu erkennen, wirklich hält. Womöglich ist Malweise, die durch die Verspachtelung einzelner Farbklekse, pointilistische Züge hat, als Persiflage zu deuten.


James Ensor - Der Einzug Christi in Brüssel im Jahr 1889

Öl auf Leinwand, 1888, 252,6 x 431 cm, The J. Paul Getty Museum, Los Angeles


James Ensor - Kalvarienberg

Zeichnung, 1886, Privatsammlung


Georges Seurat - Ein Nachmittag auf der Ille de la Grande Jatte

Öl auf Leinwand, 1884-1886, 207, 5 x 308,1 cm, Art Institute in Chicago