James Abbott McNeill Whistler - Nocturno in Schwarz und Gold: Die fallende Rakete

von Alexandra Tuschka


Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Der Diskurs über dieses Werk jedoch brachte es zustande gleich zwei Männer in den Ruin zu stürzen: den Künstler James Abbott McNeill Whistler und seinen Kritiker John Ruskin. Wie dies zustande kam, später. Werfen wir erst einmal einen Blick auf das Werk.

Zu sehen ist die durch ein Feuerwerk erhellte Nacht in den Cremorne Gardens, einem Vergnügungspark in London, am Flußufer der Themse. In diesem wurden regelmäßig abends, zur Belustigung der Besucher, Feuerwerke gezündet. Whistler selbst lebte etwa 20 Blocks entfernt und malte den Park diverse Male.


Vor dem dunklen Hintergrund sind Feuerfunken und Lichtpunkte zu erkennen. An der Horizontlinie links sehen wir wolkenartige, helle Wirbel. Etwas weiter rechts konzentriert sich die Farbe: hier wurde gerade die titelgebende Rakete abgeschossen. Auch Bäume sind dunkel erkennbar und im Vordergrund, am parkeigenen See, werden Personen angedeutet. Das gesamte Werk wirkt fast zweidimensional; diese Reduktion des dreidimensionalen Eindruckes entlehnte Whistler der japanischen Kunst.

Wieso aber war das Motiv ein solcher Affront? In vielerlei Hinsicht war das Werk ein Bruch mit alten Traditionen. Whistler wählte hier keine Historienmalerei, auch kein Portrait oder Stillleben. Stattdessen wählte er ein Nachtstück, allerdings in einer solch abstrahierten und neuartigen Form, dass es fast modern wirkt. Das recht junge Motiv war damals hochaktuell, da erst Ende des 19. Jahrhunderts elektrische Straßenbeleuchtung aufkam und - was für uns so normal erscheint - die erhellte Nacht ein Novum war.


Auch das Wort "Nocturne" wählte der Maler mit Bedacht: dieses Wort entstammt der Musik und beschreibt eine im 17. Jahrhundert entstandene Musikform, welche die Nacht beschreibt, meist verspielt und instrumental. Auch dieses Werk sollte vorrangig allein ästhetisch wirken und keine moralisierende, tiefere Sinnschicht entfalten. Whistler selbst sagte: "Die Kunst sollte allein stehen und den künstlerischen Sinn von Auge oder Ohr ansprechen, ohne dass dies mit Emotionen verwechselt wird, die dem völlig fremd sind, wie Hingabe, Mitleid, Liebe und Patriotismus."


Ruskin, einer der einflussreichsten Kunstkritiker im englischsprachigen Raum, sah das Werk 1877, als es in der Grosvenor Gallery gezeigt wurde. Er war nicht begeistert, da seiner Meinung nach Kunst vor allem akkurat und naturnah sein sollte. Im Juli 1877 veröffentlichte er in seinem Blatt "Fors Clavigera" folgende frei übersetzte Passage: "Um Mr. Whistlers willen, nicht weniger als zum Schutz des Käufers, hätte Sir Coutts Lindsay keine Werke in die Galerie aufnehmen sollen, in denen der ungebildete Dünkel des Künstlers so nahe an den Aspekt der vorsätzlichen Hochstapelei herankam. Ich habe schon viel von der Frechheit der Cockneys gesehen und gehört, aber ich hätte nie erwartet, dass ein Wichtigtuer zweihundert Guineen dafür verlangt, dass er dem Publikum einen Farbtopf ins Gesicht wirft."


Whistler wiederum ließ dieses harsche Urteil nicht auf sich sitzen. Er verklagte den Kritiker auf Verleumdung. Womöglich wollte er damit auch an Reichweite für seine Ideen gewinnen, die er im Laufe der Verhandlungen immer wieder kund tat, denn die ganze Angelegenheit war ein willkommenes Fressen für die ansässige Presse. Whistler begegnete dem Richter, dass er die 200 Guinees, die das Werk kosten sollte, nicht für die 2 Tage Arbeit verlange, die es benötigte, sondern für die Fähigkeit, es in 1 oder 2 Tagen malen zu können. Damit widersprach Whistler der lang gehegten Annahme, dass die Dauer der Werkentstehung dessen Wert generierte; auch die Materialien und deren Wert fallen seines Erachtens kaum ins Gewicht. Whistler befand, ein Kunstwerk solle nur aufgrund seiner Wirkung beurteilt werden. Der Kritiker hatte konservativere Ansichten, die er diesem entgegen hielt. Man kann also mit Recht behaupten, dass es hier um eine Grundsatzdiskussion ging. Die damals verlangten 200 Guinees entsprechen heute etwa 140 000 Dollar, also einer stattliche Summe.

Im November 1878 stand der Prozess in allen Londoner Zeitungen und wurde auch Inhalt von Karikaturen wie dieser hier. Im Satiremagazin "Punch" fand sich die Illustration mit den Worten: "Ungezogener Kritiker, sich so in den Worten zu vergreifen; Dummer Maler, dafür vor Gericht zu ziehen." Links steht der gekränkte Künstler, rechts der Kritiker. Zwei Schlangen, welche die "Kosten" symbolisieren, sind am Boden zu finden. Ein Aspekt, welcher sich bewahrheiten sollte. Denn obwohl Whistler den Prozess offiziell gewann, erhielt er nur einen Viertelpenny Entschädigung und musste die Gerichtskosten selbst tragen. 6 Monate später musste er seinen bankrott erklären. Ruskin hingegen wurde im Laufe des Prozesses krank und musste teilweise einen Vertreter zu den Verhandlungen schicken.


1890 veröffentlichte Whistler sein Buch "the gentle way of making enemies", in welchem er seine Ideen und auch Inhalte des Prozesses niederschrieb. Er porträtiert sich als unschlagbar, genial und nicht immer sympathisch. Nur 3 Jahre später fand er einen Käufer für das "Nocturne", der ganze 800 Guinees bezahlte, also den vierfachen Preis. Whistler erholte sich also finanziell und konzentrierte sich später stärker auf lukrative Portraits; John Ruskins Ansehen und Gesundheit litten allerdings nachhaltig.


Heute mögen wir Schmunzeln über die leichte Kränkbarkeit des Künstlers. Wäre es nicht eine so einfache Lösung gewesen, einfach. wie das Englische schon sagt "agree to disagree"?


James Abbott McNeill Whistler - Nocturno in Schwarz und Gold: Die fallende Rakete

Öl auf Leinwand, 1874, 60 x 47 cm, Institute of Arts, Detroit


Karikatur aus "Punch" Satiremagazin

Illustration, 1878

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