Henri de Toulouse-Lautrec - Im moulin rouge

von Alexandra Tuschka

Dieser Bildausschnitt ist wahrlich ungewöhnlich. Wo hinsehen? Eine Dame, bläulich erhellt, schaut uns rechts an, allerdings ist sie vom Bildrand abgeschnitten. Sie, immerhin, nimmt Blickkontakt mit uns auf. Der schräge Holzbalustrade trennt uns vom restlichen Geschehen, wir stehen davor. Von unserer Position aus haben wir auf eine Menschengruppe, die sich um einen Tisch positioniert hat, einen guten Blick. Wir sind wohl nicht eingeladen. Nur von hinten können wir das schicke lila Kostüm einer Dame erkennen, auch ihr Hut ist ausladend und geschmückt, die Haare darunter mit viel Mühe zurechtgemacht. Rechts neben ihr sitzen zwei Zylinderträger. Der erste lächelt beseelt drein, der zweite, mit Schnurrbart sieht etwas abwesend aus. Ihm gegenüber sitzt eine Dame mit noch auffälligerem Hut; ihr Gesicht ist etwas durcheinandergeraten, übt sie einen Schlafzimmerblick? Schließlich, links neben ihr, hat ein weiterer feiner Herr seinen Gehstock abgestellt, die roten Handschuhe hat er gleich angelassen. Seine Profilansicht offenbart ein Monokel.

Vier weitere Personen, ebenso schick, beleben den Hintergrund. Zwei weitere Männer streben nach links in einen weiteren Raum, der nur angedeutet wird. Schemenhaft erkennen wir weitere Gäste und eine Tänzerin sowie eine Glas- oder Spiegeltür links.


Das Moulin Rouge, in dem wir uns hier befinden, war ein beliebtes Thema des Malers Henri Toulouse-Lautrec. Nicht nur, dass er sich dort gerne aufhielt und in der Nähe wohnte, auch eine geschäftliche Abmachung festigte diese Verbindung. Toulouse-Lautrec erhielt vom Moulin Rouge den Auftrag, eine Reihe von Plakaten zu entwerfen, mit denen der Club beworben wurde. Aufgrund dieses Auftrags hielt das Moulin Rouge immer einen Platz für ihn frei. Der Stil des Malers setzt sich dabei aus vielerlei Impulsen zusammen: Mit 19 Jahren ließ er sich noch klassisch ausbilden, öffnete sich dann aber den Einflüssen der Impressionisten. Auch die Liebe zum Jugendstil und die Kenntnis der Lithografietechnik sind in seinen Werken unverkennbar.

Das bebende Pariser Nachtleben zog ihn, wie viele andere Künstler, an. „Au Moulin Rouge“ ist eines seiner größten Gemälde und zeigt das Innenleben des Amüsierlokals. Hier trafen verschiedene Klassen aufeinander – Tänzerinnen, Künstler, das einfache Volk mischte sich mit dem bürgerlichen Publikum. Toulouse - Lautrec wählte er ein ungewöhnliches Format – nahezu ein Quadrat. Mithilfe von Vergleichswerken können wir einige der Personen recht eindeutig identifizieren: Die rechte Dame entpuppt sich als May Milton, eine von dem Maler verehrte, aber leider erfolglose Tänzerin. stellt die Dame gegenüber recht eindeutig die „Macarona“ dar, eine spanische Tänzerin, die regelmäßig im Moulin Rouge auftrat. Sie wurde von Toulouse-Lautrec im Jockeykostüm ein weiteres Mal verewigt. Und auch die rote Dame ist trotz Rückenansicht als Jane Avril zu identifizieren. Deren rote Haarpracht taucht auf vielen weiteren Werken des Malers auf. „La Goulue“, Louise Weber, mit ihren blonden Haaren und ihrem hohen Dutt, richtet sich im Hintergrund im Spiegel.


Die Männer am Tisch sind links Édouard Dujardin, ein Literatur- und Musikkritiker, der an seinem langen, gewellten Bart, seinem Monokel und seinem Gehstock gut zu erkennen ist; daneben Paul Sescau, ein Fotograf. Mit ihm arbeitete der französische Maler eng zusammen, da dieser Reproduktionen seiner Werke anfertigte und rechts Maurice Guibert, einem Winzer. Aber noch eine Raffinesse ist in den beiden Männern im Hintergrund versteckt. Der kleinwüchsige Toulouse-Lautrec stellt sich hier neben seinem großen und schlanken Cousin Gabriel Tapié de Céleyran dar, wie sie durch das Lokal flanieren. Mit den anderen zwei Zylinderherren wird eine weitere Diagonale gezeichnet, welche die Komposition der Balustrade kopiert. Ist dies eine einladende Szene? Wollen wir hier sitzen und anstoßen?

Alle Personen im Bild verdeutlichen ein Phänomen, welches Toulouse-Lautrec meisterhaft ausdrückt - der fehlende Kontakt. Betrachtet man die Blickachsen der Personen, fällt auf, dass sie sich nicht treffen, keiner spricht, keiner lacht. Nur die groteske Frau vorne sieht uns an; aber ihr Blick ist schwer zu deuten. Das Licht unterstützt durch die grellen und unnatürlichen Farben einen künstlichen und fast bedrohlichen Eindruck. Das befand wohl auch die Käuferschaft, so dass Toulouse-Lautrec oder sein Makler die Frau kurzerhand wegschnitten, um es besser verkaufen zu können. 1914 wurde dieser Abschnitt dem Gemälde aber wieder hinzugefügt.


Auch Edgar Degas, ein Freund und Zeitgenosse des Malers, verbildlichte seinem Bild "Absinth", bei welchem die fein zurechtgemachte Dame dem Stumpfsinn ihres Daseins gegenübertreten muss, diese zwei Seiten. Einerseits das offensichtliche Beisammensein und andererseits die vollkommene Isolation. In unserem Hauptbild steht - wie hier - eine Karaffe auf dem Tisch und vermittelt einen gastfreundlichen und geselligen Eindruck. Dass jedoch die Freundlichkeit einer Bargesellschaft nicht immer authentisch ist und das wilde, heitere Pariser Nachtleben auch dunklere Seiten hat, wird Toulouse-Lautrec, der auch mit vielen Tänzerinnen befreundet war, gewusst haben. Auch er selbst war von einer Alkoholkrankheit betroffen und hat die Schattenseiten des Nachtlebens am eigenen Leibe zu spüren bekommen.


Henri Toulouse-Lautrec - Au Moulin Rouge

Öl auf Leinwand, 1892–1895, 1,23 m x 1,41 m, Helen Birch Bartlett Memorial Collection, Chicago


Edgar Degas - Der Absinth

Öl auf Leinwand, 1875/76, 92 x 68,5 cm, Musée d'Orsay in Paris