Hans Holbein d.J. - Die Gesandten

von Alexandra Tuschka


Zwei Männer, die sich in ihren Gesichtszügen ziemlich ähneln, blicken uns aus dem Bild „Die Gesandten“ entgegen. Beide haben ovale Gesichter und tragen Bart. Sie flankieren einen Tisch in der Mitte, der mit allerhand Objekten belegt ist. Im Hintergrund begrenzt ein grüner Brokatvorhang das Werk, der den Tiefenraum reduziert. Wer sind die beiden und was möchten sie dem Betrachter durch dieses Bild vermitteln?



Der linke Mann nimmt viel Raum ein und zieht den Betrachterblick sogleich auf sich. Er schaut uns wach und interessiert entgegen, unsere Aufmerksamkeit stört ihn gar nicht. Er sieht recht pompös aus in seinem massigen schwarzen Mantel, den er uns durch eine offene und lässige Körperhaltung präsentiert. Der nun erkennbare Hermelinbesatz und das rote Untergewand aus Atlasseide verweisen auf einen gewissen Reichtum. Hier möchte jemand seinen Status zum Ausdruck bringen! Auf seiner Kette erkennen wir das Medaillon des Michaelordens. Diesen hatte der Mann, der als Jean de Dinteville identifiziert wurde, vom französischen König empfangen. Selbst war er in England für König Franz I. in den Jahren 1532 und 1533 Gesandter. In der Dolchscheide wird sein Alter mit „29 Jahren“ angegeben. Da zum damaligen Zeitpunkt die Lebenserwartung noch deutlich geringer war, bekleideten auch schon jüngere Männer früh hohe Ämter. Der linke Arm des Diplomaten ruht auf dem Tisch, der ihn somit auch kompositorisch mit dem anderen Mann verbindet. Dieser hat keinen so wachen Blick mehr. Hat er schon lange Modell gestanden?


Dieser — etwas müder wirkende — Herr ist der junge Bischof George de Selve. Er trägt einen schlichten Brokat-Mantel, auf dem Kopf ein schwarzes Birett. Sein Alter ist mit „25 Jahren“ auf dem Buch unter seinem Ellenbogen noch erkennbar. Wir bemerken schnell, dass er ungleich bescheidener wirkt als sein Nebenmann, obwohl auch er eine Kleiderwahl von hoher Qualität vorweist. Er legt seinen Arm auf den Tisch und spiegelt so locker die Körperhaltung seines Gegenübers. George de Selve praktizierte im französischen Lavaur und war Gesandter bei Kaiser Karl V.; als dieses Werk entstand unternahm er jedoch als Privatmann eine Reise und besuchte seinen Freund de Dinteville.


Während dieser Reise trafen die beiden Männer, die eine tiefe Freundschaft verband, in London aufeinander. Einer von ihnen gab das Doppelportrait bei dem Niederländer Hans Holbein d. J. in Auftrag. 1533 entstanden, zeigt das Werk die Freunde als Verbündete und intellektuelle Männer von Welt. Der Auftraggeber steht – nicht überraschend – links im Bild. Hat er es sich nicht nehmen lassen, hier subtil die Hauptrolle zu übernehmen? Er beauftragte nicht umsonst einen der Größten seiner Zeit: Hans Holbein hatte zu diesem Zeitpunkt einen beachtlichen Ruf als Portrait- und Monumentalmaler und war darüber hinaus bekannt für seine nahezu fotorealistischen Darstellungen von Gegenständen.

Davon können wir uns selbst überzeugen. Auf den Böden des Tisches ist allerhand zu entdecken: Instrumente aus den Bereichen Mathematik und Astronomie, zu denen auch der Himmelsglobus gehört, Bücher geistlichen Inhalts, daneben eine Knickhalslaute, deren eine Saite bereits gesprungen ist und weitere weltliche Objekte.


In Portraitmalereien solche Attribute einzufügen war ein gängiges Mittel, um Eigenschaften, Berufe oder Fähigkeiten der Dargestellten zu untermauern. Oft waren die Auftragsarbeiten auf die Außenwirkung bedacht und nicht dafür, im stillen Kämmerlein zu hängen. Manchmal dienten sie sogar als „Visitenkarte“ bei offiziellen Anlässen. So ist überliefert, dass Herrscher, die aus politischen Gründen heirateten, und sich vor der Hochzeit nicht kennen lernen konnten, manchmal durch ein Portrait des Partners einen ersten Eindruck erlangen durften. Sicher gab das manchmal böse Überraschungen!

In diesem Fall zeigt das Werk die Zusammenkunft von „Welt“ und „Geist“, beides Spähren, welche die Männer – sich gegenübergestellt – repräsentieren. In diesem Zusammenhang kann auch die Körperhaltung gesehen werden: der Weltmann zeigt sich nach Außen hin offen, sein Blick ist wach und furchtlos auf den Betrachter gerichtet; der Geistliche zieht seine Arme zu sich, schützt seinen Körper mit dem Mantel und kehrt somit körpersprachlich „nach innen“. Auf Statussymbole verzichtet er. Durch die Ähnlichkeit beider wird jedoch ein Eindruck der «Bruderschaft» erweckt. Zudem öffnen sich die Freunde leicht zueinander und schaffen so – auch kompositorisch – eine Verbindung.


Doch das Werk enthält eine weitere subtile Botschaft, welches ihm bis heute zu kunstgeschichtlicher Berühmtheit verhalf. Auf dem Mosaikfußboden, der dem Presbyterium der Westminster Abbey entlehnt wurde, befindet sich ein undefinierbares, verzerrtes Objekt. Erst beim Drehen und Windes des eigenen Körpers vor dem Bildgrund vermag der Betrachter zu erkennen, was hier von Holbein gemeint wurde: ein Totenschädel. Dieses wohl konventionellste aller Vanitassymbole, ist durch die Verzerrung zu einer viel subtileren Botschaft geworden. Das Vexierbild ist eine Mahnung an die Vergänglichkeit aller weltlichen Werte. In diesem Zusammenhang stehen auch das etwas versteckte Kreuz im linken Hintergrund und die bereits erwähnte gerissene Saite des Instrumentes.




Hans Holbein d.J. - Die Gesandten

Tempera auf Holz, 1533, 206 × 209 cm, National Gallery in London

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