Gustave Courbet - Die Kornsieberinnen

von Alexandra Tuschka

In einem undefinierten Innenraum ohne Ecken, Kanten oder Fluchtpunkte sehen wir drei Personen. Die Zufälligkeit des Bildausschnittes und –Momentes lässt uns als Betrachter gleich ins Geschehen eintauchen. Die Protagonistin in der Mitte hat uns unfreundlicherweise den Rücken zugedreht. Sie ist wohl beschäftigt. Mit kräftigen Hin- und Herbewegungen siebt sie das Korn. Wir sehen, dass sie schon eine Weile zu Gange war, denn auf dem Tuch auf dem Boden hat sich allerlei Spreu gesammelt. Eine weitere Frau hat sich links erschöpft an die Getreidesäcke gelehnt. Vermutlich haben sie sich abgewechselt. Nun ist ihre Aufgabe, die feinere Spreu aus dem Weizen zu lesen. Ist sie dabei etwa eingeschlafen, wie das Kätzchen im Hintergrund? Es ruht neben einer Schüssel, aus welcher die Damen ihre Mittagssuppe eingenommen haben. Der große Topf in der Mitte hinten verweist darauf. Wir sehen hier keine aufrechten Damen, keine anmutigen Schönheiten wie auf den Leinwänden von Courbets Zeitgenossen. Die Frau in der Mitte hat eine recht unbequem aussehende Körperhaltung eingenommen, auf den Knien siebt sie das Korn, die Schuhe sind verrutscht, der Kopf ungesund nach vorne gebeugt, die Arme mühsam ausgestreckt. Der rechte wirkt dabei fast manieristisch überlängt. Ein Junge im rechten Bildteil schaut neugierig in die Tarare, eine Vorbereitungsmaschine, welche Unreinheiten an den Körnern beseitigt. Was er zu sehen bekommt, bleibt uns verborgen. Obwohl in nächster Nähe zueinander, erfordert die Arbeit eine solche Konzentration, dass keine Kommunikation zwischen den Dreien stattfindet. Auch von uns will wohl keiner etwas wissen, wir werden gar nicht bemerkt.

Courbet, der zwar aus gutem Hause, aber dennoch einer ländlichen Gegend stammte, zog als junger Mann nach Paris. Dort traf er auf eine andere Welt und starke Kontraste sowie auf recht starre Konventionen an der Pariser Akademie. Courbet zeigt in seinen Werken eine große Sympathie für die sogenannten „Proletarier“, die den Markt in Zeiten der Industrialisierung überschwemmten, aber nichts als ihre bloße Arbeitskraft anbieten konnten.


Er gilt als Hauptvertreter des Realismus, einer Strömung von Malern, die sich gegen jegliche Verklärung aber auch die Traditionen und strengen Regeln der Akademien wandte. Die Bilder sollten demnach nicht „schön“ sondern vor allem „wahr“ sein. Während andere Strömung das Augenmerk auf moralisch wertige Motive legten, wurden für die Realisten auch Arbeiter, Bauern, das Unschöne, gar das hässliche „bildwürdig“. In diesem Fall wählte er als Modelle zwei seiner Schwestern, Zoé, in Rot mittig, und Juliette, links im Bild. Im Jungen könnte sein unehelicher Sohn Désiré portraitiert sein.


Courbet beschrieb das Gemälde als ein Teil einer Serie, mit der er das Leben der Landbevölkerung darstellen und den Stadtmenschen näherbringen wollte. Er selbst nannte es ein "un tableau de moeurs de campagne" – „ein Bild der ländlichen Sitten“. Damit allerdings setzte er sich auch immer wieder Kritik aus, zu unästhetisch und beiläufig wirkten die Bildthemen. Nichtsdestotrotz wurde das 1854 fertiggestellte Werk im Salon ausgestellt und fand noch zu Lebzeiten Courbets im Musée des Beaux-Artes in Nantes einen Käufer.


Gustave Courbet - Die Kornsieberinnen

Öl auf Leinwand, 1854, 131 x 167 cm, Musée des Beaux-Artes, Nantes


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