Frederic Leighton - Perseus und Andromeda

von Sarah Baur

Der einstige Präsident der Royal Academy of Arts, Frederic Leighton, zeigt in seinem Gemälde Perseus und Andromeda eine bekannte und vielfach in der Kunst rezipierte Szene der griechischen Mythologie. Zu sehen ist inmitten einer felsigen Meeresbucht eine junge Frau mit langem blondem Haar. Sie ist fast gänzlich entblößt, lediglich ihre Scham und ein Bein sind noch von ihrem weißen Gewand bedeckt. Mit gequälter Mimik krümmt sie sich an einem Felsen, auf welchem ein bedrohliches, drachenartiges Ungeheuer seine Flügel über ihr ausbreitet. Mit wütend, qualmendem Maul blickt das Ungetüm von seiner vermeintlichen Beute abgelenkt gen Himmel hinauf, wo in strahlendem Sonnenschein ein geflügeltes Pferd samt Reiter erscheint.


Dem Mythos nach beginnt die Geschichte des Dargestellten mit der Selbstverliebtheit der Königin Kassiopeia. Sie behauptete, die Nereiden und Nymphen an Schönheit zu übertreffen und verärgerte damit den Meeresgott Poseidon. Um Kassiopeias Anmaßungen nicht ungestraft zu lassen, sandte er ein Meeresungeheuer an die Küsten ihres Landes Aithiopia, das dort für Chaos und Verwüstung sorgte. Um dem Terror ein Ende zu bereiten, sollte Andromeda, die Tochter der Königin, dem Ungeheuer geopfert werden und wurde dafür an einen Felsen in der Meeresbucht gefesselt. Das hätte nun für die junge Andromeda kein gutes Ende genommen, hätte Perseus sie nicht entdeckt, der mit seinem geflügeltem Pferd Pegasus gerade auf dem Rückweg von seinem Kampf mit Medusa war. Er besiegte das Ungetüm, rettete Andromeda vor ihrem Schicksal und nahm sie zur Frau.

Das dramatische Geschehen inszeniert Leighton hier in einer imposanten Felslandschaft, die zur Gesamtstimmung beiträgt. Er stellt genau den Spannungshöhepunkt der Geschichte dar, an dem Andromeda nur um Haaresbreite den Fängen des Monsters entgehen kann. Die mächtige Gestalt des Ungetüms, das sich furchteinflößend über seinem Opfer ausbreitet, beschattet Andromeda und deutet auf ihr drohendes Schicksal. Sein schwarzer kantiger Körper steht im deutlichen Gegensatz zu Andromedas zarten hellen Zügen. Die „Jungfrau in Nöten“ ist hier ganz typisch in reinem unschuldigem Weiß dargestellt, sowohl in Bezug auf das Inkarnat und hellen langen Haare als auch ihre nun kaum noch vorhandene Bekleidung. Auch der Held Perseus ist nicht nur durch eine ebenso helle Farbgebung, sondern auch durch einen Lichtkreis besonders akzentuiert. Perseus – kenntlich gemacht durch die geflügelte Tarnkappe und natürlich durch Pegasus – ist in dem Moment der Bewegung festgehalten nach dem er gerade den tödlichen Pfeil auf das Ungeheuer losgeschossen hat, der in den Schuppen dessen sein Ziel gefunden hat. So zeigt Leighton hier mit seiner dramatischen und kontrastreichen Inszenierung ein Paradebeispiel für den Kampf zwischen Gut und Böse. Natürlich können wir als Betrachter uns an der schönen Frau auch ergötzen und somit ist es auch ein erotisches Motiv.

Die Hochzeit der Protagonisten hätte jedoch beinahe nicht stattfinden können, da Andromeda bereits ihrem Onkel Phineus versprochen war. Als dieser mit Perseus in Streit geriet, hielt Perseus das Medusenhaupt empor und konnte so seinen Mitstreiter ausschalten und versteinern. Auf einem anderen Gemälde Leightons, dass ein paar Jahre später entstand und den Fokus auf Perseus legt, als er Andromeda rettet, ist sogar dies abgeschlagene Medusenhaupt zu sehen.


Frederic Leighton - Perseus and Andromeda

1891, Öl auf Leinwand, 235 x 129,2 cm, Walker Art Gallery, Liverpool


Frederic Leighton - Perseus on Pegasus Hastening to the Rescue of Andromeda

Öl auf Leinwand, 1895-6, Leicester Museum & Art Gallery


Annibale Carracci and Domenichino - Perseus and Phineas

Fresko, 1597, Farnese Gallery, Rom



Internet.png