Franz von Stuck - Tilla Durieux als Circe

von Sarah Baur


Dass eine Frau von Stand einen Beruf ausübte wurde in der Gesellschaft um 1900 immer noch missbilligt. Der Beruf als Schauspielerin oder gar Tänzerin war so ohnehin verpönt.[1] Dennoch trugen einige dieser Frauen mit ihrer kreativen Profession zur Inspiration von Schriftstellern und Malern bei. Auch der deutsche Malerfürst Franz von Stuck (1863–1928) widmete mehrere Gemälde solchen aufregenden Frauen wie zum Beispiel in seinem Porträt der Tilla Durieux in ihrer Rolle als Circe.


Stuck war einer der einflussreichsten und bedeutendsten Jugendstil Künstler und Symbolisten des fin de siècle in München. Er begründete mit einigen Malerkollegen 1892 die Münchner Secession und war Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München. Eine starke Affinität zur Antike und zum Römertum prägte das Leben des Künstlers, ebenso wie seine Faszination mit dem weiblichen Wesen. Er widmete daher den Großteil seiner Werke unter symbolistischer Bearbeitung der Rätselhaftigkeit der Frau.

All dies fand für Stuck in Tilla Durieux eine passende Verbindung. Die Schauspielerin war bekannt für ihre Verkörperungen von markanten und fatalen weiblichen Charakteren. 1912 schlüpfte sie am Münchner Künstlertheater in die Rolle der Circe des gleichnamigen Stückes. Auch wenn sich das Gemälde hier genau genommen nicht auf Homers Zauberin Circe bezieht, liegt ihm ein Theaterstück zu Grunde, das an die Circe-Odysseus Episode angelehnt ist und in dem die Begegnung und Beziehung der homerischen Akteure im Mittelpunkt der Handlung steht.


In dem fast quadratischen Ölgemälde sieht man, vor gänzlich schwarzem Hintergrund, die Porträtierte als Halbfigur in Profilansicht nach links gewandt und eine goldene Schale vor sich haltend. Diese ist mit einem Relief dekoriert, das einen Löwen zeigt. Die Hand der Porträtierten ist an jedem Finger von einem auffälligen Goldring geziert. Ebenso trägt sie üppige goldene und mit Perlen versehende Ohrringe. Sie ist in ein blau-, schwarz- und goldgemustertes Gewand gekleidet, das nur auf der linken Schulter durch eine Brosche befestigt ist. Eine Stoffbahn des Kleides trägt sie über dem gebeugten rechten Arm. Ihre rotbraunen Haare sind nach oben gesteckt und aus der Frisur haben sich ein paar Locken gelöst. Mit weiten Augen und leicht geöffneten rot glänzenden Lippen, die ein Lächeln umspielt, blickt sie auf etwas außerhalb des Bildraumes.


In der reduzierten Farbpalette dominiert ein kühles Kolorit. Die blasse, fast weiße Haut, hebt sich deutlich von dem dunklen Hintergrund ab und lässt die roten Haare leuchten. Durch diesen Kontrast und die Abgrenzung der Farbflächen wird zusammen mit dem Verzicht auf Tiefenräumlichkeit eine plakative Wirkung erzeugt.[2]

Stuck wählte für sein Werk den brisanten Moment in dem Circe Odysseus verzauberten Wein reicht. Er konzentrierte sich in seiner Darstellung unter Verzicht auf jeglichen szenischen oder räumlichen Kontext auf die Erscheinung der Schauspielerin. Das einzige Attribut im Bild findet sich in dem goldenen Trinkpokal wieder, der anhand des Löwenreliefs eine Verbindung zu Circes Vertrautheit mit den wilden Raubkatzen schafft.


Die rote Haarpracht ist bei Stucks Gemälde eine Betonung des Exotischen und des Verführerischen. Mit dem bläulichen Schimmer und dem goldenen Funkeln des Kleides setzte Stuck dekorative Akzente vor dem dunklen Hintergrund.


Durch diese Dunkelheit wird das Gefühl eines theaterhaften Bühnenraumes erweckt und gleichzeitig trägt sie zu der Rätselhaftigkeit und Mystifizierung Durieuxs Rolle als Zauberin bei.

Ihre vorgebeugte Haltung kann sowohl als demütig, aber auch als lauernd interpretiert werden. Der drängende Arm und vor allem der eindringliche Blick tragen zu einer bedrohlichen und für das nicht sichtbare Ihr-Gegenüber bedrängenden Atmosphäre bei.


Das blasse Inkarnat der Porträtierten ist bei Stucks Darstellungen von Frauengestalten nicht unüblich, da er dieses als bewussten Kontrast zu den dunkleren Hauttönen seiner männlichen Protagonisten wählte. Eine zusätzliche bläuliche oder grünliche Färbung des hellen Tons verlieh der abgebildeten Figur außerdem ein dämonisches oder gefährliches Aussehen, wie es auch in diesem Porträt der Fall war.[3]

Stuck inszenierte das Porträt der Tilla Durieux in ihrer Rolle der Circe als infernalische Magierin von leidenschaftlicher Expressivität und dämonischer Verführung in dezent antikisierender Aufmachung. Auch wenn Stuck die bedrohlich verführerischen Wesenszüge von Durieuxs Circe in einer einzigartigen bildnerischen Komposition zum Ausdruck brachte und „ihrem Talent, fatale Frauencharaktere darzustellen, ein Denkmal [setzte]“[4], fand die Schauspielerin selbst allerdings keinen Gefallen an Stucks bildnerischen Inszenierungen und bemerkte: „Nach meinem Geschmack waren sie nicht.“[5]

[1] GROSS-ROATH, Claudia: Das Frauenbild bei Franz von Stuck, Weimar, 1999, S. 128 und 133 [2] Ripperger, Hannah: Porträts von Tilla Durieux. Bildnerische Inszenierungen eines Theaterstars, Göttingen, 2016, S. 125 [3] Gross-Roath S. 33 [4] Gross-Roath S. 97 [5] DURIEUX, Tilla: Meine ersten neunzig Jahre. Erinnerungen, Berlin, 1980, S. 175