Francisco de Goya - Saturn verschlingt seine Kinder

von Alexandra Tuschka

Vor einem dunklen Hintergrund sehen wir einen alten Mann mit grauen Haaren und wahnhaft aufgerissen Augen. Seinen Mund hat er weit geöffnet, in den Händen hält er einen menschlichen Torso, den er sich hastig in den Rachen schieben will. Kopf und Arme des Körpers fehlen bereits, ein Geschlecht oder Alter ist nicht mehr identifizierbar. Der Mann hat selbst ebenso bereits eine unförmige Gestalt angenommen. Sein Körper ist am rechten Bildrand beschnitten, die Formen verschwimmen, die Anatomie wird vernachlässigt.

Auf diesem Werk des Spaniers Goya ist einer der frühesten mythologischen Götter zu sehen – Saturn – der hier eines seiner Kinder verschlingt. Ihm wurde prophezeit, dass eines dieser Kinder ihn einmal stürzen würde. Um dies zu verhindern, verspeiste Saturn seine Kinder. Bei fünf von ihnen gelingt es ihm - Jupiter kann jedoch von seiner Mutter gerettet werden. Statt dem Säugling wickelt sie einen Stein in eine Windel und übergibt sie ihrem Gatten. Dieser bemerkt den Betrug nicht. Später, als viele Jahre ins Land gegangen sind, kann Jupiter tatsächlich seinen Vater stürzen und die Prophezeiung erfüllt sich. Im Zuge dessen spuckt Saturn seine Kinder – mitsamt dem Stein – auch wieder aus. Saturn entspricht dem Kronos der griechischen Mythologie. Die Kinder des Gottes nennen sich daher auch „Kroniden“.


Vom glücklichen Ausgang ist hier aber noch nicht viel zu sehen. Völlig auf das Wahnhafte konzentriert, ist dieses Bild auf einen grausamen Moment heruntergebrochen; der Vater völlig besessen von dem Gedanken seiner Machterhaltung. Da Goya zu seinen Lebzeiten auch mehrere politische Bewegungen miterlebte, darunter Napoleons Einzug in Spanien, aber auch die wenig volksnahe Politik der spanischen Monarchie, wird dieses Bild oft mit dem Zeitgeschehen in Verbindung gebracht. Auch die Eliten wollten unter allen Umständen ihre Macht erhalten – und „fraßen“ dafür sogar ihr eigenes Volk auf. Somit zerstörten sie die Basis, die den Machterhalt erst gewährleisten könnte. Und so entstand schnell eine Abwärtsspirale. Die Herrschaft wird somit hohl und die Machthaber sind nicht länger souverän. Die Macht weicht der puren Verzweiflung.

Dieses Werk gehört zu den berühmten „schwarzen Gemälden“, den "pinturas negras", welche in Goyas Finca Quinta del Sordo, die "Villa des Tauben" hingen, und waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Diese Finca war ein letzter Rückzugsort für den geschundenen und kranken Maler. Er erwarb das Haus 1819 und bemalte die Wände zuerst mit angenehmeren Motiven. Später wurden diese durch die berühmten „pinturas negras“ übermalt. Es handelt sich hier um insgesamt 14 Gemälde, die Goya mit Ölfarben direkt auf den Verputz der Wände malte. Die gruseligen Bilder entstanden in den letzten Lebensjahrzehnten des Malers, als er bereits mit starken Depressionen und Hörverlust zu kämpfen hatte. Der Name bezieht sich dabei einerseits auf die starke Verwendung von Schwarz-Pigmenten, andererseits auf die dunklen Bildmotive. Obwohl Goya die Werke nicht benannt hat, ist das Bildthema – vor allem durch ein Vorbild Rubens – gut identifizierbar.


Nachdem der Baron Émile d’Erlanger die Finca 1873 erwarb, ließ er die Gemälde auf Leinwand übertragen, worunter deren Qualität litt. Der Baron schenkte die Werke später dem Staat. Daher können wir die „pintuars negras“ als Gesamtwerk und vollständig in einem Raum im Prado in Madrid bewundern. Aufgrund ihres schlechten Erhaltungszustandes werden sie jedoch nur selten an andere Museen verliehen.

Francisco de Goya - Saturn verschlingt seine Kinder

Öl auf Leinwand, 1819 - 1823, 146 x 83 cm, Museo del Prado, Madrid


Peter Paul Rubens - Saturn verschlingt seine Kinder

Öl auf Leinwand, 1636 - 1638, 180 x 87 cm, Museo del Prado, Madrid

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