Fra Angelico - Die Verkündigung

von Alexandra Tuschka


Gerade einmal 20 Jahre alt war Guido di Pietro als er sich einem Dominikanerordnen anschloss und fortan sein Leben dem Gebet und dem Glauben widmete. Viele Jahre verbrachte er in einem Kloster in Fiesole, wo er auch zu malen begann. Erste Versuche wagte er, indem er Handschriften des Klosters illustrierte. 1435 ließ Cosimo di Medici ein prachtvolles Kloster in Florenz erbauen. Nicht ohne Hintergedanken: die großzügigen Spenden sollten dem gläubigen Mäzen beim jüngsten Gericht in ein gutes Licht rücken.


In diesem Kloster brachte der Künstler, dessen Maltalent inzwischen bekannt geworden war, an den Wänden zahlreiche Fresken an. Diese befinden sich auch heute noch im Kloster. Seinen Namen Fra Angelico bekam er durch seine vielen Engelsfiguren und seine Engels-gleiche Malweise. Auch er zog in das Kloster.


Schreitet man die Stufen des alten Gebäudes herauf, begegnet einem sogleich sein wohl berühmtestes Werk "Die Verkündigung". Obwohl Standort und Lichtsituation nicht dem Originalzustand entsprechen, wird dieses gewissermaßen-auf-das-Bild-zulaufen von vielen Betrachtern als sehr gelungen empfunden. Zu sehen ist die berühmte Szene, in welcher der Erzengel Gabriel Mutter Maria die Empfängnis des Jesusknaben prophezeit - trotz ihrer Jungfräulichkeit.

Beide Figuren lehnen sich zueinander und schauen sich an. Der Engel verbeugt sich ein wenig; sein Knie ist noch gut unter dem Mantel zu erkennen. Beide verschränken die Arme vor der Brust als Ausdruck der tiefen Demut und des Einverständnisses. Zwischen den offenen Torbogen, die sich an die Architektur des Klostern anlehnen, sind beide Figuren viel zu groß geraten. Besonders Maria, die hier auf einem einfachen Holzhocker sitzt, dürfte sich beim Aufstehen unsanft den Kopf stoßen. Diese einfache Sitzgelegenheit symbolisiert, zusammen mit der einfachen Kleidung der Gottesmutter, die weltliche Sphäre. Der Engel hingegen ist reich geschmückt und scheint von innen heraus zu leuchten. Kein Schatten ist neben seiner Figur zu erkennen. Besonders die bunten Flügel sind fein herausgearbeitet und wurden vom Maler sogar mit Mineralien versetzt, welche sie leicht schimmern lassen. Der abgeschlossene Garten links mit dem horizontal ausgerichteten Zaun wird in der Kunstgeschichte als "hortus conclusus" bezeichnet. Er ist fest mit der Marienikonographie verbunden und symbolisiert ihre Reinheit und Jungfräulichkeit.


Wir vermissen angestammte Symbole der Szene wie die weiße Lilie, oder dass Maria beim Lesen in der Bibel unterbrochen wird. Dass Fra Angelico dies bewusst einzusetzen wusste, zeugen andere Variationen des Themas.

Man vermutet, dass der Verzicht möglich war, weil die gute Kenntnis der Betrachter dies erlaubte. Der Verzicht auf das Symbolhafte macht die Figuren noch menschlicher; dass der Maler sie in eine Klosterumgebung versetzte noch nahbarer. So deutet auch die Inschrift, die nur vage und klein unten zu erkennen ist an, wozu das Werk deutlich aufruft: zu beten und das Leben auf den Glauben an Gott auszurichten. So sollten die lebensnahen Szenen in den Klostergängen wieder und wieder zur Meditation aufrufen.


Mit seiner Motivwahl symbolisiert Fra Angelico die Schnittstelle zwischen der wahrhaft religiösen Kunst des Mittelalters, die hier aber schon mit Neuerungen der Renaissance wie Perspektive und weltliche Ästhetik vereint wurde.


Fra Angelico - Die Verkündigung

1440–1445, Fresko, 256 x 334 cm, Museo di San Marco, Florenz


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