Ernst Ludwig Kirchner - Nackte Mädchen unterhalten sich

von Frauke Maria Petry


Ernst Ludwig Kirchner gehört zur Dresdner Gruppe ‚Brücke‘. Die Künstler des Expressionismus (von lateinisch expressio: ‚Ausdruck‘) legten großen Wert darauf, nach Gefühl zu malen. Sie kämpften für einen gesellschaftlichen Neubeginn und befassten sich vor allem mit dem freien Menschen. Zu diesem Zweck ließen sie zwischen 1909 und 1911 minderjährige Akte zu.

Das Bild „Nackte Mädchen unterhalten sich“ entspricht dem ersten Treffen zwischen den Modellen Marcella und Senta im Dresdner Atelier. Die beiden Nackten wirken unsicher und passiv. In gekrümmter Haltung, die Gliedmaßen über den Geschlechtsmerkmalen verschränkend, sitzen sie auf einem roten Kissen. Typisch für die kindliche Brücke-Ikonografie ist der Blick von oben, wodurch die halslosen Oberkörper mit schmalem Unterleib instabil wirken. Die Farbpalette des Werks beinhaltet vor allem leuchtende Primär- und kontrastierende Sekundärfarben. Der Hintergrund ist abstrakt und deformiert.

In den Kindermodellen sahen die Künstler eine unbeeinflusste, ursprüngliche Natur in Anlehnung an die primitive Kunst. Auf dieser Basis stellten die 9- bis 15-jährigen Mädchen für sie das ‚reine Weib‘ dar.

Die Bilder implizieren keinen voyeuristischen Blick. Durch die unrealistische Farbgebung mit dunklen Umrisslinien und kantigen Formen wird der sinnliche Reiz gebrochen. Thematisch rückt hier die Scham über den eigenen Körper als Unsicherheit gegenüber der heranwachsenden Sexualität in den Mittelpunkt. Absicht ist die Wiederentdeckung erotischer Körperlichkeit, die mit der zeitgleichen Emanzipation der – nach bürgerlicher Auffassung asexuellen – Frau einhergeht.


Unter diesem Aspekt könnte das Bild positiv bewertet werden. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass einige Künstler sexuelle Beziehungen zu den minderjährigen Mädchen pflegten. Die Frage nach Pädophilie bleibt offen.




Ernst Ludwig Kirchner - Nackte Mädchen unterhalten sich

Öl auf Leinwand, 1910, 75 cm x 100 cm, Museum Kunstpalast in Düsseldorf

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