Caspar David Friedrich - Zwei Männer in Betrachtung des Mondes

von Thyra Guenther-Lübbers

Magie, Melancholie, vielleicht auch Meditation ergreift uns und wir tauchen ein in ein Gemälde des größten deutschen Vertreters der Romantik, Caspar David Friedrich. Leicht lassen sich Friedrichs Werke als die seinen identifizieren, strömt von ihnen doch immer eine etwas mystische, schwermütige aber in jedem Falle auch eine ansteckende Stimmung aus, zu der sich das Betrachter-Ich positionieren muss, möchte es länger vor dem Werk weilen. Die Arbeiten sind auf ihre eigene stille Weise, obwohl sie zu einer Zeit entstanden sind, in der der Austausch zwischen Werk und Betrachter längst nicht den Stellenwert inne hatte wie dies heute der Fall ist, interaktiv. Auch das recht kleine Format des Bildes soll den Betrachter dazu verführen, näher heran zu treten. Sowohl räumlich als auch geistig.

Dass Caspar David Friedrich hier am Werk war, verrät auch die Rückenansicht der dargestellten Personen sowie die Einbettung des „Settings“ in eine dramatisch anmutende Landschaft. Die vorliegende Umgebung soll an das Nordwest-Ufer des Tollensesees, in den Harz oder an das Steil-Ufer Rügens verortet werden können. Die für den Künstler typischen Rückenansichten sorgen stets für eine Anonymisierung des Dargestellten und laden den Betrachter abermals ein sich selbst mit der abgebildeten Figur zu identifizieren. Friedrich lenkt den Blick des Betrachtenden direkt durch die Führung des Wanderwegs sowie die, diesen rechts und links flankierenden riesigen Gesteinsbrocken, auf das Bildpersonal. Die zwei in sogenannte "deutsche Tracht" gekleideten männlichen Figuren scheinen sich auf einem abendlichen Spaziergang zu befinden und über den zunehmenden Mond sowie den rechts davon abgebildeten Abendstern zu philosophieren. Die Kleidung wurde von Caspar David Friedrich in einem blau-grauen Farbton ausgeführt. Während sich die eine Figur, in der manche ein Selbstbildnis des Künstlers sehen, auf einen Spazierstock stützt, lehnt sich die andere, die eventuell August Heinrich, ein Schüler und Freund Friedrichs zeigen soll, mit ihrem rechten Arm auf die Schulter der Figur mit Stock. Sie stehen auf einem steinigen Weg vor einem angedeuteten Abhang. Auf der anderen Seite des Abhangs sind immergrüne Fichten auszumachen. Die Männer selbst werden umrahmt von Ästen und Zweigen. Zu ihrer rechten steht eine halb entwurzelte, von Moos befallene, ja nahezu abgestorbene Eiche, die nur noch von einem riesigen Gesteinsbrocken gehalten zu werden scheint. Zu ihrer Linken steht wiederum eine grüne Fichte.


Das scheinbar nur mit wenigen Griffen komponierte Bild lässt gleich zwei Interpretationsebenen zu: eine politische sowie eine religiöse. Für die politische muss das Werk in seiner Entstehungszeit begriffen werden. Im Zuge des restaurativen Wiener Kongresses (1814/15) wurden 1819 in Karlsbad die sogenannten Karlsbaderbeschlüsse festgesetzt, die zusammenfassend jedwede liberale oder nationale Tendenz im Deutschland nach der Zeit von Napoleon Bonaparte verboten. Die Eiche als urdeutsches Symbol könnte hier folglich für die Hoffnung auf einen Nationalstaat stehen, die langsam, aber sicher, stirbt. Friedrichs Bildpersonal für die Untermauerung dieser Theorie richtig gekleidet, entflieht der Gesellschaft und dem Tageslicht, um durch den zunehmenden Mond, der im krassen Kontrast zur Eiche als Hoffnungsträger zu interpretieren ist, im wahrsten Sinne des Wortes einen Lichtblick zu erhaschen. Für diese Theorie spricht, dass der Mond im Bild zentral und zudem über dem angedeuteten Abgrund positioniert ist und durch sein sehr helles Erscheinungsbild in der nächtlichen Szene die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zieht. Da der Künstler aber auch sehr gläubig war, leuchtet auch eine religiöse Auslegung ein. Der zur Folge stünde die morsche Eiche für alles Heidnische, das die Christliche Religion mit ihrem Heilsbringer Jesus Christus, der in dem Fall durch den aufgehenden, zunehmenden Mond im Bild anwesend ist, überwunden hat.


Friedrichs Werk entlässt uns folglich nicht nur mit einem magischen und melancholischen Gefühl, sondern auch mit einer Sensibilisierung für Metaphorisches.


Caspar David Friedrich - Zwei Männer in Betrachtung des Mondes

Öl auf Leinwand, 1819/1820, 33 x 44,5 cm, Galerie Neue Meister, Dresden


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