Bartolomé Esteban Murillo – Die Rückkehr des verlorenen Sohnes

von Alexandra Tuschka


Ein Vater, der zwei Söhne hatte, zahlte dem Jüngeren auf dessen Wunsch seinen Erbteil aus. Dieser verprasste das Geld bei Huren und in Wirtshäusern. Als er kein Geld mehr hatte, musste er sich als Schweinehirt verdingen. Unter den Schweinen ereilte ihn die Einsicht, reuevoll zum Vater zurückzukehren und sich als Tagelöhner den dürftigen Unterhalt zu verdienen. Als er vor des Vaters Haus stand, nahm dieser ihn sehr herzlich auf und ließ ein Fest feiern. Sein anderer Sohn wurde jedoch wütend, da er dem Vater stets treu war und kein gutes Lamm und gute Kleidung angelegt bekommt. Daraufhin sagt der Vater: «Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und gutes Muts sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wieder gefunden.»

„Der verlorene Sohn“ ist das dritte der drei Gleichnisse vom Verlorengegangenen und findet sich bei Lukas, Kapitel15. Während das erste Gleichnis des verlorenen Schafes im „guten Hirten“ wieder aufgegriffen wird, das zweite des „verlorenen Groschens“ nur sehr selten dargestellt wurde, wurde der „verlorene Sohn“ überaus beliebt und ist in der bildenden Kunst in vielen Episoden dargestellt worden. Bis zu 14 Szenen kann man hier unterteilen. Die Rückkehr und Wiederaufnahme stellt dabei freilich die Essenz dieser Geschichte dar, denn es ist ein Gleichnis der echten Vergebung nach der Buße. Diese drückt der verlorene Sohn sehr deutlich durch den Kniefall und die betenden Arme aus.


Murillo hält sich bei seiner Darstellung an viele Details der Bibel. Der Vater nimmt den Sohn in seine Arme. Sie sind zentral in der Bildmitte angeordnet und bilden gemeinsam eine Dreieckskomposition. Der schwere Mantel des Alten steht im starken Kontrast zur zerfetzten Kleidung des Sohnes. Trotz mangelnder Hygiene und dreckiger Füße nimmt der Vater ihn ohne Zögern auf. Von links bringt der Schlächter das beste Kalb mit, welches zur Feier geopfert wird. Weiterhin kommen zwei Diener, die den Schmuck und die feine Kleidung herbeibringen, damit der verlorene Sohn sie anlegen soll. Der eine hält sogar einen Ring in den Fingern für diesen bereit. Das Ganze wiederum geschieht zum Leidwesen des neidischen Bruders, der hier vermutlich in dem Mann ganz rechts im Dunkeln dargestellt ist. Ein weißes Hündchen — ein Symbol für die Häuslichkeit — verstärkt durch sein Bellen die Wiedersehensfreude und stiftet ein wenig Dynamik.


Durch die klare Zweiteilung des Bildgrundes hat die Szene etwas bühnenartiges. Den Hintergrund hat Murillo nicht deutlich ausformuliert. Vielmehr wirken Wolken, Säulen und Architektur eher homogen als graue Fläche mit wenig Kontrasten. „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ war eine von acht riesigen Leinwänden, die für die Kirche des Krankenhauses Saint George in Sevilla gemalt wurden, einem Hospiz für Obdachlose und Hungrige. Damit wurde ihnen auch in ihrer dunkelsten Stunde vermittelt, dass die Rückkehr in Gottes Arme jederzeit möglich ist. Ein sicherlich sehr tröstlicher Gedanke. 




Bartolomé Esteban Murillo – Die Rückkehr des verlorenen Sohnes

Öl auf Leinwand, 1667, 236 x 262 cm, National Gallery in London

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