Annibale Carracci - Selbstbildnis auf der Staffelei

von Alexandra Tuschka


An Selbstbewusstsein mangelt es diesem Maler nicht! Direkt, obwohl ein wenig teilnahmslos, sieht uns Carracci aus der Leinwand auf dem Bild entgegen. Dessen Selbstbildnis steht präsent und erleuchtet im Mittelpunkt des Bildes. Der Kontrast zur restlichen Umgebung, die durch den pastosen, kontrastarmen Farbauftrag verschwimmt, wird somit noch verstärkt. Wir befinden uns wohl in einem Atelierraum, die hölzerne Staffelei ist als Bildmittelpunkt auch durch die Lichtführung deutlich herausgearbeitet. Dieser Effekt spiegelt sich in der kleinen Leinwand, die auf ihr angeordnet ist, ein weiteres Mal. Das Gesicht des Malers ist hell erleuchtet und klar umrissen, während seine Kleidung und der Hintergrund verschwimmen. Dahinter, jedoch weniger scharf, sehen wir ein geöffnetes Fenster, dessen Licht die Silhouette einer Figur hervorhebt. Es scheint hellichter Tag zu sein. Auch die Figur ist in hellen Farbtönen gehalten und so abstrahiert, dass sie nur schemenhaft erkennbar ist und nahezu unfertig wirkt. Da hier der Künstler und das Modell ein und dieselbe Person sind, liegt es nahe, dass es dieser sein könnte, der nach getaner Arbeit in der Außenwelt nach neuer Inspiration sucht oder sich schlichtweg ausruht. Am Fuße der Staffelei sind ein Hund und eine Katze zu erkennen. Die Einfügung der Tiere spielt auf den bekannten Malerwettstreit zwischen den antiken Malern Zeuxis und Parrhasios an. Beide wollten feststellen, wer der größere Künstler ihrer Zeit sei. Zeuxis legte vor, indem seine — auf die Leinwand gemalten — Trauben so echt wirkten, dass Vögel kamen, um diese zu essen; Parrhasios jedoch gewann das Duell, indem er einen Vorhang auf die Leinwand bannte. Dieser erschien so realistisch, dass sogar Zeuxis getäuscht wurde, da dieser ihn wegziehen wollte. Auch die Tiere in diesem Bild scheinen die Echtheit des Dargestellten anzuerkennen und seine direkte Nähe zu suchen.

Der italienische Maler Carracci wählte sich selbst als Modell und somit auch zum Kunstwerk. Mit dieser Motivwahl zeigt sich das neue Selbstverständnis der Renaissance -Künstler. Nicht länger — wie im Mittelalter — wurden sie als Handwerker angesehen, die grundsätzlich gegeneinander austauschbar waren; jeder Künstler drückte seine Identität und eigene Handschrift in seinen Werken aus. Selbstportraits stärkten diese Entwicklung. Ende des 15. Jahrhunderts sind die ersten Selbstbildnisse bekannt, die dieses neue Selbstbewusstsein ausdrücken. Im 16. Jahrhundert dann entwickelt sich dann das «Atelierbild» zu einer eigenständigen Untergattung, welche den Maler bei der Arbeit oder in seiner Werkumgebung zeigt. Unkonventionell vereint Carracci in diesem Werk die ohnehin verwandten Sparten - Atelierbild und Selbstportrait - miteinander.


Schon früh gab es in Italien Räume, die als Atelier fungierten. Zusätzlich gab bei wohlhabenden Künstlern und Mäzenen das „studioli“. Dies war ein autonomer Raum, in denen sich kultivierte Betrachter treffen konnten und der ausschließlich zur Reflexion über Kunstgegenstände genutzt wurde. Beispielsweise über Tintoretto wissen wir, dass er in einer Werkstatt arbeitete, aber in seinem studioli nach Ideen suchte. Jedoch sind uns kaum Abbildungen überliefert, in denen sich Künstler in diesen Räumen porträtierten. Offenbar war diese Darstellung ohne Mehrwert, da es nur einen kleinen Markt für solche Motive gab. Obwohl wir mit Vasari eines der ersten dieser Studiobilder kennen und mit diesem Carracci eines der unkonventionellsten, waren es keineswegs die Italiener, die für die zahlreich überlieferten Werkstatt- und Atelierbilder sorgten. Quantitativ haben die nordalpinen Künstler – allen voran die Niederländer — die Italiener in diesem Sujet bei weitem übertroffen.



Annibale Carracci - Selbstbildnis auf der Staffelei

Öl auf Leinwand, 1605, 37 x 32 cm, Galerie der Uffizien in Florenz

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