Angelika Kauffmann - Porträt des Johann Wolfgang von Goethe

von Sarah Baur


Die „zarte Seele Angelika“, wie Goethe sie oftmals in seiner Italienischen Reise nannte, war gebürtige Schweizerin und wuchs anschließend in Italien auf. Dass Angelika Kauffmann (1741 - 1807) künstlerisches Talent besaß, machte sich bereits früh bemerkbar und ihr Vater, der selbst Maler war, unterstütze und lehrte sie auf diesem Gebiet. Beide verdienten sich ihr Geld vorwiegend mit Porträtkunst und machten in Italien immer mehr Bekanntschaften mit der reisenden Aristokratie. Da es in der gehobenen Gesellschaftsschicht unter Europäern immer beliebter wurde eine Bildungsreise nach Italien zu unternehmen – die sog. Grand Tour – wurde es ebenso auch immer beliebter sich ein Souvenir mit zu nehmen – oft u.a. in Form eines Porträts.

Bekanntlich unternahm auch der Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe von 1786 bis 1788 eine Reise durch Italien und machte so Bekanntschaft mit der, zu dieser Zeit bereits erfolgreichen, Malerin Angelika Kauffmann. Goethe war bereits seit Jahren für sein Werk Die Leiden des jungen Werther bekannt, wofür Kauffmann sogar zwei Illustrationen angefertigt hatte. Hier in Italien war er nun, wie die meisten Künstler, von der Antike ergriffen und suchte sich dementsprechend ein geeignetes Sujet für ein Neues Werk. So begann er die Arbeit an Iphigenie auf Tauris aus welchem er Kauffmann ein paar Verse vortrug. Er berichtete: „Die zarte Seele Angelika nahm das Stück mit unglaublicher Innigkeit auf; sie versprach mir, eine Zeichnung daraus aufzustellen, die ich zum Andenken besitzen sollte.“ Goethe war natürlich bewusst, dass sich Zeichnungen der Angelika Kauffmann, zu seinen Stücken positiv auf den Verkauf auswirken würde und er lobte die fertige Illustration als „vielleicht eine ihrer glücklichsten Compositionen.“ Umgekehrt brachte diese Verbindung ebenso für die Malerin mehr Bekanntschaft in Deutschland ein. Es entstand bald einige innige Freundschaft zwischen den beiden und Goethe kam jeden Sonntag und auch manchmal unter der Woche zu Besuch. Kauffmann fertigte daher von dem Schriftsteller ein Freundschaftsbildnis für ihre eigene Sammlung an.

Es ist ein schlichtes ovales Porträt ohne jegliche Inszenierung durch Dekoration oder Attribute. Der Dargestellte wirkt jünger, das Gesicht zarter als es tatsächlich ist und der intensive Blick drückt Empfindsamkeit und Verletzlichkeit aus. Daher war Goethe selbst von dem Bildnis wenig überzeugt und er verglich es mit seinem Porträt, das Johann Heinrich Wilhelm Tischbein von ihm anfertigte: „Tischbein ist sehr brav […] Mein Porträt wird glücklich; es gleicht sehr, und der Gedanke gefällt jedermann. Angelika malt mich auch, daraus wird aber nichts; es verdrießt sie sehr, daß es nicht gleichen und werden will. Es ist immer ein hübscher Bursche, aber keine Spur von mir.“ Goethe sah sich eben lieber als „Kulturheros“ wie in Tischbeins Gemälde.

Ein Freund Goethes, Johann Gottfried Herder dagegen schrieb in einem Brief an seine Frau: „Goethes Bild hat sie sehr zart ergriffen, zarter als er ist , daher die ganze Welt über Unähnlichkeit schreiet; die doch aber Wirklich im Bilde existiert. Die zarte Seele hat ihn sich so gedacht, wie sie ihn gemalt.“ Kauffmann war bekannt dafür einen guten Blick für das Innere der Menschen, die sie porträtierte, zu haben. Dabei hielt sie sich an die Doktrin Johann Joachim Winckelmanns, mit dem sie ebenfalls Bekanntschaft gemacht hatte. Er beschrieb in seinen „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“ die „große und gesetzte Seele“ die ihrer Emotionen mächtig ist und es versteht diese weder in Haltung noch Mimik preiszugeben. Wichtiger sei es die „Aufrichtigkeit des Herzens“ im Dargestellten erkennen zu können. Besonders Angelika Kauffmann verstand es diese von Winckelmann so stark betonte Empfindsamkeit, dieses „Streben nach Harmonie ausgerichteter Kunst“ in ihren Gemälden umzusetzen.


Und dies tat sie ebenso mit dem Porträt von Goethe, dem so eine innige Freundschaft zu Grunde lag: Es ist ein Spiegel der Seele.


Angelika Kauffmann - Porträt des Johann Wolfgang von Goethe

1787, Öl auf Leinwand, 64 x 52 cm, Weimar, Goethe-Nationalmuseum


Angelika Kauffmann - Iphigenie, Orest und Pylades

1787, schwarze und weiße Kreide auf Papier, 290x360 cm, Düsseldorf, Goethe-Museum, Anton- und Katharina-Kippenberg-Stiftung


Johann Heinrich Wilhelm Tischbein - Goethe in der Campagna

1787, Öl auf Leinwand, 64 x 52 cm, Weimar, Goethe-Nationalmuseum