Angelika Kauffmann - Bildnis Johann Joachim Winckelmann

von Sarah Baur

Die Malerin Angelika Kauffmann erhielt während ihrer Grand Tour durch Italien zahlreiche Aufträge zu Porträtdarstellungen anderer Reisender, die diese als eine Art Souvenir erstanden. Kurz nach ihrer Ankunft in Rom wurde sie von Johann Caspar Füssli, dem Vater Johann Heinrich Füsslis, beauftragt, den Altertumsforscher und Bibliothekar Johann Joachim Winckelmann zu porträtieren.


Winckelmann stand im Dienste des Kardinals Giovanni Francesco Albani und wurde 1764 zum Oberaufseher der Altertümer in Rom. Er führte die Theorie vom hellenischen Reinheitsideal, das seiner Meinung nach auf „edler Einfalt und stiller Größe“ beruhte, ein.[1] Er beschreibt in seinen „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“ die „große und gesetzte Seele“ die ihrer Emotionen mächtig ist und es versteht, diese weder in Haltung noch Mimik preiszugeben. Wichtiger sei es die „Aufrichtigkeit des Herzens“ im Dargestellten erkennen zu können. Ebenso im Sinne dieses Ideals betonte er die Verwendung klassisch-edler und reiner Materialien wie weißem Marmor und Bronze. Das galt auch für die Farbigkeit, die zu Gunsten der Linie und Kontur zurücktreten sollte. Diese Ästhetik war ausschlaggebend für den Klassizismus und machte die Trennung vom Barock aus.[2]

Besonders Angelika Kauffmann verstand es, diese von Winckelmann so stark betonte Empfindsamkeit, dieses „Streben nach Harmonie ausgerichteter Kunst“ in ihren Gemälden umzusetzen.[3] Auch Winckelmann selbst lobt ihr künstlerisches Können: „Mein Bildniß ist von einer seltnen Person, einer deutschen Mahlerinn, für einen Fremden gemacht. Sie ist sehr stark in Portraits in Oel, und das meinige kostet 30 Zecchini; es ist die halbe sitzende Figur. Sie hat dasselbe in Quarto geäzet, und ein anderer arbeitet es in schwarzer Kunst, um mir ein Geschenk mit der Kupferplatte zu machen.“[4]


In dem Porträt, welches zur gleichen Zeit wie sein Hauptwerk Die Geschichte der Kunst des Altertums erschien, sieht man den siebenundvierzig jährigen Winckelmann mit hoher Stirn und schütterem Haar an einem Schreibpult sitzen. Er trägt ein grünliches Gewand mit offenem Hemdkragen und einem locker um den Hals drapierten gelblichen Schal. Er scheint beim Schreiben einen Moment innezuhalten und richtet seinen Blick am Betrachter vorbei in die Ferne. Er hält mit der Rechten eine Schreibfeder und stützt sich auf ein aufgeschlagenes Buch. Darunter liegt ein Relief auf dem die drei Grazien dargestellt sind. Dieses Relief stellt einen Bezug zu seinem Werk Von der Grazie in Werken der Kunst, welches 1759 erschien, dar.

Das sanfte Kolorit und die zarten Gesichtszüge des nachdenklichen Gelehrten, stehen ganz im Zeichen des von Winckelmann propagierten menschlichen Schönheitsideals. Zwei Jahre später bekundete er abermals seine Bewunderung Angelikas in einem Schreiben: „Fueßli, [...] ließ mich von der geschickten Hand eines deutschen schönen Mädchens zu Rom in Oel malen.[5] Auch Rudolf Füssli bewunderte das Werk, so dass er Angelika bereits 1767 in seinem Allgemeinen Künstlerlexikon erwähnt. Das Porträt wurde in Zürich, wo es sich auch heute noch befindet, so positiv aufgenommen, dass es, wie bereits bei Winckelmanns Brief oben beschrieben, auch gleich durch Kupferstiche vervielfältigt und europaweit verbreitet wurde. „Damit hat sie sich und ihm ein Denkmal gesetzt, dieses Porträt prägt auch heute noch unser Winckelmannbild, nach seinem Tod ist es immer wieder kopiert worden“, meint Dr. Kathrin Schade, Kuratorin im Winckelmann-Museum.[6] Durch dieses Gemälde eröffnete sich für sie schlagartig der internationale Kunstmarkt und es gilt heute als Kauffmanns „kulturgeschichtlich bedeutendstes Werk“.[7]

[1] Winckelman, Johann Joachim: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst, Text der 2. Auflage von 1756, S. 17 [2] Katz, Gabriele: Angelika Kauffmann. Künstlerin und Geschäftsfrau, Stuttgart, 2012, S. 31 [3] Ebenda. [4] Daßdorf, Karl Wilhelm: Winckelmanns Briefe an seine Freunde, 1. Theil, Dresden, 1777, S. 121 [5] Nicolai, Friedrich: Johann Winckelmanns Briefe an einen seiner vertrauten Freunde in den Jahren 1756 bis 1768, 1. Theil, Berlin und Stettin, 1781, S. 63 [6] In: Nora Knappe: Die Frau, die Winckelmann malte. Stendal 2016 , Bericht zur Sonderausstellung „Anmut und Aufklärung – Eine Sammlung von Druckgraphik nach Werken von Angelika Kauffmann“ [7] Maierhofer, Waltraud: Angelika Kauffmann, Leipzig, 1997, S. 31, aus: Oscar Sandner: Hommage an Angelica Kauffmann S. 15


Angelika Kauffmann - Bildnis Johann Joachim Winckelmann

1764, Öl auf Leinwand, 97 x 71 cm, Kunsthaus Zürich


Angelika Kauffmann - Bildnis Johann Joachim Winckelmann

1780, Kupferstich, 21,6 x 15,9 cm, National Gallery of Art, London


<