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Alexandre Cabanel - Der gefallene Engel

von Alexandra Tuschka


Er versucht noch, mit dem Arm sein Gesicht vor allzu neugierigen Blicken abzuschirmen - dennoch können wir eine Träne, die gerade das Auge des gefallenen Engels verlässt, erkennen. Eine Träne der Trauer? Die wütend zusammengezogenen Augenbrauen verraten noch eine andere Emotion: Wut. Schwört der Engel hier Rache für seinen Ausschluss aus dem Himmel?


Unsanft scheint unsere Figur auf einem Felsen aufgeschlagen zu sein und sich bei diesem Sturz noch in ein paar Pflanzen verheddert zu haben. Viele Muskeln des jungen, wohlgebauten Engels sind angespannt; ein hübscher Sixpack ist zu sehen; die Hände zusätzlich in einer unnatürlichen überdehnten Haltung verschränkt. Die Landschaft ist felsig, aber undefiniert. In den Wolken entfernen sich die anderen Engel; ihre Laune ist von der vorderen Szene nicht getrübt. Sie sind weitaus transparenter als unser Protagonist, der ganz aus Fleisch und Blut zu sein scheint. Die Flügel changieren in verschiedenen Farben, am äußeren Rand sind sie dunkel und erschöpft.

Der gefallene Engel ist in der christlichen Tradition niemand geringerer als Lucifer, und somit ein Synonym für den Teufel. Hier sehen wir das Resultat seines Versuches Gott gleich zu werden - die Verbannung aus dem Himmel. In Hinblick auf sein späteres Wirken als Gegenspieler Gottes können wir uns nun gut vorstellen, wie die Figur Racheschwüre murmelt. Gleich wird er sich erheben. Cabanel stattete Lucifer mit einem sehr ansehnlichen Körper aus, gleich dem eines griechischen Gottes. Während der "Teufel" in der Ikonografie freilich unansehnlich wurde, galt Lucifer tatsächlich als der schönste Engel im Paradies. Dies fügt zusätzliches Verführungspotenzial hinzu.


Inspiriert wurde Cabanel - wie viele Künstler seiner Zeit - von dem Gedicht "Paradise Lost". Der englische Dichter John Milton besingt in zwölf Büchern die biblische Geschichte vom Sündenfall Adams und Evas, sowie sehr ausführlich die Vorgeschichte vom Höllensturz Satans und seiner Gefolgsleute.


Die düstern Augen wirft er rund umher,

Die Angst und tiefe Traurigkeit verrathen,

Worein verstockter Stolz und Haß sich mischt;

Er sieht, so weit als Engel können sehn,

In seiner Lage wüst' und elend sich... (Gesang 1)

Während eine Studie des Themas noch die Verzweiflung des Lucifers in den Vordergrund stellte, war es in diesem Werk die Umkehr der Verletzung in Rache. Alexandre Cabanel, der aufgrund seines Ausnahmetalentes bereits mit 17 Jahren an der Kunsthochschule in Paris angenommen wurde, bestritt später eine Vorzeigekarriere an der Akademie. Dieses Werk reichte er 1847 für den Salon ein. Die Kritiker fanden es jedoch unglücklich; die Bewegungen unpräzise und inkorrekt; das Gesamtwerk zudem zu romantisch. Cabanel schrieb seinem Freund Alfred Bruyas ernüchtert: "Das also ist der Preis für all die Schwierigkeiten, die ich mir auferlegte, um ein Werk einzureichen, welches nicht gewöhnlich ist..." Cabanel konnte nicht wissen, dass seine akademisch anerkanntesten Werke in Zukunft wenig Anerkennung erfahren sollten. Dieses gut beobachtete psychologische Werk aber, wird weiterhin zahlreich kopiert und bewundert.


Alexandre Cabanel - Der gefallene Engel

Öl auf Leinwand, 1847, 121 x 190 cm, Musée Fabre, Montpellier


Alexandre Cabanel - Der gefallene Engel (Studie)

ÖL auf Leinwand, 1846


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