Albrecht Dürer: Der Aufenthalt in Ägypten / Ruhe auf der Flucht nach Ägypten

von Carina Stegerwald


Im Jahr 1502 schuf Albrecht Dürer einen Holzschnitt, der mit Der Aufenthalt in Ägypten – oder zum Teil auch mit Ruhe auf der Flucht nach Ägypten – betitelt wird und von dem sich heute in mehreren Museen Blätter befinden. Die Druckgrafik gehört zu einer Serie, die 1511 als illustriertes Buch unter dem Titel Marienleben herausgegeben wurde. Jene zwanzig Blätter entstanden zwischen 1502 und 1511 – also teilweise schon einige Jahre zuvor –, so dass Dürer sie bereits einzeln ohne Text vertrieben hatte. Obwohl der Holzschnitt daher durchaus unabhängig vom Kontext der Serie sowie des dort beistehenden Textes gesehen werden kann, soll kurz die Bedeutung dieser neuen Art des Andachtsbuches skizziert werden. Neben der Apokalypse und der Großen Passion zählt das Marienleben zu den Drei großen Büchern – wie sie von Dürer aufgrund des Großfolioformates genannt wurden. Das spannungsvolle Verhältnis von Bild und Text galt als innovativ, weshalb die Editionen schnell Zustimmung fanden und sich insbesondere das Marienleben großer Beliebtheit erfreute. Heute ist die Holzschnittfolge in den seltensten Fällen noch als Buch erhalten; stattdessen sind die Bogen jeweils geteilt, seitlich beschnitten und als einzelne Blätter aufbewahrt worden.[1]

Albrecht Dürer, der 1471 als Sohn eines Goldschmiedes in Nürnberg geboren wurde und bei seinen Italienreisen mit der Renaissancekunst in Berührung kam, galt schon zu Lebzeiten als Genie. Dabei wurden nicht nur seine künstlerischen Fertigkeiten gewürdigt, sondern auch seine Bildung und das Interesse an der Vermarktung seiner Werke ist als außergewöhnlich anzusehen. Daneben kann eine neue Definition des Künstler-Berufes auf Dürer zurückgeführt werden, da dieser nicht mehr – wie bis dato üblich – als Handwerker gesehen wurde.[2]


Mit der Technik des Holzschnittes beschäftigte sich Albrecht Dürer bereits sehr früh, jedoch anfangs nicht in der Art und Weise, welche für ihn typisch wurde und die auch bei dem zu beschreibenden Blatt zu sehen ist. So entwarf er zunächst als Erster moderne Karikaturen und arbeitete mit kleineren Formaten. Auch die technische Herangehensweise seiner frühen Holzschnitte unterscheidet sich von der wesentlich aufwendigeren und differenzierteren Bearbeitung späterer Werke. Bedeutend war schließlich der Wechsel zum großen Format, in dem auch die Serie Apokalypse erschien. Eine weitere wichtige Entwicklung stellte die Verwendung der Zentralperspektive dar, die sich Albrecht Dürer – vor allem während seiner Arbeit am Marienleben kurz nach 1500 – aneignete. Dabei spielte die Beschäftigung mit der Antike eine wichtige Rolle. Im Laufe der Zeit wurde insbesondere die klare Stichtechnik für ihn charakterisierend. Insgesamt fertigte Dürer in seinem Leben 350 Holzschnitte an.[3]


Für das Werk Der Aufenthalt in Ägypten – respektive Ruhe auf der Flucht nach Ägypten – bildet insbesondere die Bibel, genauer gesagt das Matthäusevangelium, die ikonografische Grundlage. Nachdem die Weisen aus dem Morgenland Jesus im Stall gesehen und sich wieder auf den Rückweg gemacht hatten, erschien Joseph im Traum ein Engel des Herrn. Dieser sagte ihm, dass er mit Maria und dem Kind nach Ägypten fliehen sollte. Denn König Herodes hatte vom neugeborenen König der Juden gehört und wollte diesen töten lassen, da er um seine Stellung fürchtete. So machte sich die Familie auf den Weg und blieb in Ägypten solange Herodes am Leben war.[4]


Auf dem Holzschnitt ist eine Rast auf eben jener Flucht nach Ägypten respektive bereits der Aufenthalt in dem fremden Land dargestellt. Im Vordergrund der Szene ist ganz rechts am Bildrand eine dicht aneinander gedrängte Gruppe zu sehen, die sich aus drei Engeln, einem Putto, Maria und dem Christuskind in einer Wiege zusammensetzt. Maria sitzt leicht seitlich zum Betrachter auf einem Stuhl. Ihre langen, lockigen Haare schauen unter einem Schleier hervor und fallen auf das langärmlige, hochgeschlossene Kleid. Den Kopf ein wenig zur Seite gedreht blickt Maria nach unten, um sich auf ihre Handarbeit zu konzentrieren. Kompositorisch ist die Gruppe aus Maria und den Engeln in einem Halbrund um das Kind in der Wiege angeordnet, wodurch sie sich vom Rest des Bildes abgrenzen. Vom Christuskind selbst in der hölzernen Wiege ist hauptsächlich der Kopf zu sehen, da der Körper von den umwickelten Stoffbändern bedeckt wird.

In einigem Abstand zu der Gruppe steht Josef leicht nach vorne gebeugt und schräg zum Betrachter. Er trägt ein langärmliges Gewand, das in der Hüfte mit einem Gürtel versehen ist und an dem seitlich eine kleine Tasche hängt. Beide Hände umfassen eine Axt, mit der er eine Tränke aus Holz bearbeitet. Die vom Stoff bedeckten Unterarme wirken muskulös und die Hände, mit denen er den Griff der Axt umklammert, sind angespannt. Der lange Bart, die Augenringe und die hohe Stirn mit Falten erwecken den Eindruck, dass Josef bereits älter ist. Umgeben wird Josef von mehreren Putti, deren Darstellung als lebendig und kurzweilig beschrieben werden kann. So halten sich zwei Putti an den Händen, wobei einer der beiden ein kleines Windrad in der Hand hat. Die anderen Putti unterhalb der Tränke sind zum Teil nur leicht bekleidet, so dass sich die kleinen, eher stämmigen Körper gut erkennen lassen. Sie haben kurze, lockige Haare und pausbäckige, kindliche Gesichter. Eifrig sammeln sie Holzreste ein, die sie in einen Weidenkorb legen. Die Detailverliebtheit der Szene zeigt sich auch bei dem Putto, der mit einem Strohhut sowie einem Rechen in der Hand ausgestattet ist. Ganz links unten im Bild lässt sich eine, an einen Stein angelehnte Holztafel mit der Signatur AD für Albrecht Dürer entdecken.


Den Mittelgrund und letztlich den ganzen Holzstich dominieren zwei schräg zum Betrachter positionierte Häuser links, von denen insbesondere das vordere mit angebautem Stall sehr verfallen wirkt. Den Abschluss der dargestellten Szene bildet ein Berg mit einer hügeligen Landschaft in der Ferne sowie ein kleines Häuschen und ein wiederum verhältnismäßig großer Torbogen davor. In dem von einigen Wolken bedeckten Himmel ist mittig Gott mit einem langen Bart und dem Reichsapfel in der Hand platziert. Sein weiter Umhang wird nach rechts geweht und von seinem Kopf sowie der Taube unterhalb davon gehen Strahlen aus.


Gerade im Vergleich zur Umsetzung der im Marienleben unmittelbar davor befindlichen Flucht nach Ägypten zeigt sich, worum es Dürer bei diesem Sujet – Der Aufenthalt in Ägypten – ging. Während bei der Darstellung der Flucht die Natur im Vordergrund steht – und hier auch Ochse und Esel zu sehen sind –, dominiert beim Aufenthalt die Architektur. Dürer stellt damit noch einmal die Gefahr und Wildnis, der Sicherheit und der Zivilisation gegenüber. Somit scheint es auch recht eindeutig, dass es sich nicht nur – entgegen dem zum Teil verwendeten Titel – um eine Rast auf der Flucht handelt, sondern bereits um den Aufenthalt in Ägypten. Hierfür spricht auch die Aufnahme von handwerklichen und handarbeitlichen Tätigkeiten sowie die Abwesenheit von Reit- oder Packtieren. Als durchaus ungewöhnlich ist diese Darstellung von Dürer doch gerade deshalb zu begreifen, denn während Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten ein sehr beliebtes Thema bei Künstlern war, wurde der Aufenthalt in Ägypten eher selten abgebildet.


[1] Vgl. Schoch/Scherbaum, S. 6-14; 72. [2] Vgl. Schiener, S. 140; Eberlein, S. 19; Cohen-Cossen, S. 16. [3] Vgl. Musper, S. 136-152; Cohen-Cossen, S. 15.