Motive, Symbole, Figuren

Was bedeutet es "die Feige zu zeigen"?

Im Jahre 1494 malte Albrecht Dürer auf Studienblatt 3 Hände in verschiedenen Gesten. Die eine hält eine Blume und hat die Finger leicht gespreizt, die untere streckt den Zeigefinger zu einem Zeige- oder Erklärgestus, aber die dritte scheint dem heutigen Betrachter doch recht merkwürdig: der Daumen wurde zwischen Zeige- und Mittelfinger gesteckt. Der Rest der Hand ist zur Faust geballt.
Diese Handhaltung nennt man „Feigenhand“ oder „Jemandem die Feige zeigen.“ Obwohl in der Antike und anderen Teilen der Welt positiv assoziiert, ist die Geste in der bildenden Kunst der Neuzeit eine obszöne geworden. Sie ahmt das Eindringen des Phallus nach. Somit ist sie eine Geste der Verhöhnung. Sie findet sich unter anderem bei den Darstellungen von Narren, Sklaven und Sündern.

Bei diesem Werk von Gottfried von Schalcken sehen wir eine junge Dame, die gerade von einem Quacksalber besucht wird. Der Arzt, der hier eine Urinschau macht, ist alles andere als seriös. Lange Zeit dachten die Menschen, anhand des Urins Krankheiten, aber auch Schwangerschaften erkennen zu können. Gut gelöst hat Schalcken dieses Thema, indem er ein schwimmendes Männchen im Urin zeigt, welches auch dem letzten Betrachter klarmacht, dass es sich hier um einen Schwangerschaftstest handelt – der offenbar positiv ausgefallen ist. Der kleine Junge rechts, vielleicht ein Bruder, zeigt die Feigenhand und verstärkt damit die Botschaft des Bildes. Auch er macht noch einmal deutlich, mit welchem Akt wir es hier zu tun hatte.

Gehäufter aber sehen wir diese Geste bei der Verspottung Christi. In diesem Werk müssen für in den vielen Gesten der Verachtung die Feigenhand erst einmal ausmachen. Anders als bei Schalcken gibt uns die Hand, die wir übrigens erst bei genauerem Hinsehen bei einem der kleinen Kinder entdecken, keinen Deutungsimpuls, sondern ist als reine Verhöhnungsgeste eingesetzt. Während wir die Ausdrücke der anderen Männer noch heute kennen: eine lange Nase machen, die Zunge zwischen den gespreizten Fingern, und eine Grimasse zeigen – ist die Feigenhand mit der Zeit im deutschsprachigen Raum verloren gegangen. Sollten Sie aber nach Russland, in die Türkei oder nach China reisen, tun Sie sich mit dem Zeigen dieser Geste keinen Gefallen. Hier wird der obszöne bzw. beleidigende Charakter sehr wohl verstanden.

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