Kunstbücher

Tipp von unserer Redaktion

Gabriele Katz – Angelika Kauffmann. Eine Ikone weiblicher Kunst.

Romanbiografie, September 2022, Südverlag.

- Eine Rezension von Sarah Baur - 

Von dem stilvollen Einband in gedeckten Farben schaut uns die Protagonistin höchstpersönlich aus einem ihrer Selbstporträts entgegen – freundlich und zugleich eindringlich. Denn Angelika Kauffmann blickt in die Seele, blickt hinter die Kulissen, so wie dies auch dem Leser der Romanbiografie von Gabriele Katz ermöglicht wird. Angeregt wurde die Autorin und Kunsthistorikerin hierfür durch die 'vielen aktuellen Bezüge und modernen Aspekte', die in Kauffmanns Leben wiederzufinden sind (S. 303).

Als Tochter eines Wandermalers waren Angelika Kauffmann zwei Dinge gewissermaßen bereits mit in die Wiege gelegt: Die Malerei und das Reisen. Sie konnte die Schweiz, England und Italien ihre Heimat nennen und kannte dabei auch keine sprachlichen Barrieren. Vielseitig gebildet und von außergewöhnlichem Talent setzte sie sich ebenso über gesellschaftliche Barrieren hinweg und etablierte sich in einer von Männern dominierten Kunstwelt zu einer der herausragendsten und gefeiertesten Malerin des Klassizismus.


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Auf ihrem Weg machte sie bedeutende Bekanntschaften und konnte einige große Persönlichkeiten zu ihren Auftraggebern zählen. Wie schon auf dem Einband ersichtlich wird, besaß die Künstlerin eine gewisse Empathie, die es ihr ermöglichte ihre Werke mit einzigartiger Emotion umsetzten zu können. Bereits der Archäologe und Kunstwissenschaftler Johann Joachim Winckelmann wusste diese Qualität der Künstlerin zu schätzen, denn sie entsprach genau seiner Doktrin von stiller Einfalt und edler Größe.

 

Als wir Angelika Kauffmann hier im Buch antreffen, ist die Begegnung mit Winckelmann bereits passé, denn die junge Angelika ist nun schon auf dem Weg sich in London als Historienmalerin zu etablieren und möchte dort endlich 'Frauen zu Heldinnen der Geschichte machen'. (S. 47) In drei Teilen begleiten wir als Leser die vierzehn Jahre, die Kauffmann in der britischen Metropole verbrachte, Beziehungen knüpfte und dabei ihre Karriereleiter immer weiter empor stieg.

 

Im ersten Teil sehen wir eine noch etwas unsichere Angelika, die versucht mit dem Treiben und Trends der großen Stadt auf ihre zurückhaltende Art mithalten zu können. Schnell merkt sie dabei 'London ist nicht Rom' (S. 53). Sie trifft hier bald auf einen ihrer wichtigsten Förderer, Joshua Reynolds, mit dem sie recht offen reden kann – auch darüber dass sie sich als Frau an den Akademien Europas benachteiligt sieht. Freunde findet sie auch in der Gruppe der sog. Bluestockings (eine Gruppe Frauen, die nach Emanzipation strebten). Wir lernen, wie sehr das Gemüt und der Charakter ihrer Kunden für die Künstlerin von Bedeutung sind und Angelika mit ihrer Schlichtheit zur Trendsetterin wird. Der Erfolg lässt also nicht allzu lange warten und sie erhält sogar schon Aufträge aus dem Königshaus und auch ihr Vater kommt nachgereist.

 

Im zweiten Teil wird die kurze Skandalehe mit dem schwedischen Schwindler Frederick de Horn verbildlicht und welche Auswirkungen das auf Angelikas Gemüt hat. Nichtsdestotrotz wartet schon der nächste Erfolg: die Gründung der Royal Academy of Arts 1768 bei der Angelika durch den König neben Mary Moser als einzige Frau zu einem von 34 Gründungsmitgliedern ernannt wird. Ihr Erfolg bringt leider viele Neider mit sich und so sieht sich Angelika immer wieder als Ziel von Gespött (Katz geht z.B. auf die „Malerin der Macaroni“ und den Skandal um Nathaniel Hones Werk „The Conjuror“ ein). Doch Angelika lässt sich nicht unterkriegen - viel mehr wagt sie sich immer weiter hinaus und möchte Neues probieren und kreieren.

 

Im letzten und kürzesten Teil verfolgen wir die letzten Jahre Angelikas in England. Hier hat sie nun einen solchen Bekanntheitsgrad erreicht, dass ihre Motive inzwischen auf allerlei Alltagsgegenständen wiederzufinden sind. In dieser Zeit heiratet sie Antonio Zucchi, dem sie inzwischen schon öfter über den Weg gelaufen ist, und plant nun (auch aufgrund der sich zuspitzenden politischen Unruhen) mit ihm und ihrem Vater die Rückkehr in ihr geliebtes Italien.

 

Gespickt sind alle Teile mit kleinen Rückblicken in ihre Kindheit und Jugend die v.a. von dem guten Vater-Tochter Zusammenspiel und ihren künstlerischen Fortschritten erzählen. „Corragio , Angelica, sei mutig, du kannst das! Du darfst niemals zögern. Du musst mit dem Herzen malen.“ (S. 10)

 

Auf charmante und fachkundige Art und Weise macht uns Gabriele Katz das Leben der Künstlerin nahbar. Durch kleinere Wechsel in der Perspektive erhalten wir nicht nur Einblicke in Angelikas Innenleben, sondern auch das ihrer Mitmenschen. Malutensilien werden beschrieben und auch der Alltag im Atelier, soziale Verpflichtungen und die nicht so ganz alltagstauglichen Modetrends, mit denen vor allem die weibliche Gesellschaft zu kämpfen hatte. Man kommt nicht umhin beim Lesen dieser Situationen des Öfteren zu Schmunzeln oder mit dem Kopf zu schütteln wenn veranschaulicht wird, welche abstrusen Richtlinien eine Frau von Stand zu befolgen hatte, bzw. welche Möglichkeiten aufgrund des Geschlechts verwehrt blieben (Bsp.: Aktzeichnen / Johann Zoffanys Porträt der Gründungsmitglieder der Royal Academy, etc.). Wenn ich auch allzu gerne noch verfolgt hätte, wie Katz die spätere Begegnung mit Goethe in Italien umgesetzt hätte, macht es Sinn, dass sie Autorin den Londoner Lebensabschnitt der Künstlerin wählte, um uns deren Leben zu veranschaulichen – ein klug gewählter Part, denn in dieser Zeit nahm Angelikas Karriere so richtig Schwung auf und sie wurde zu einer Ikone weiblicher Kunst.

 

Und keine Sorge, wer beim Lesen ab und an sein Gedächtnis auffrischen oder noch etwas dazu lernen will, findet im Anhang neben einer Zeittafel noch eine hilfreiche Auflistung der erwähnten Gemälde (wovon leider keine abgebildet sind), kleine Biografien der wichtigsten Personen und ein Glossar.