Tizian - Bacchus und Ariadne

von Alexanda Tuschka


Theseus hat genug von seiner Ehefrau Ariadne. Kurzerhand lässt er sie auf der Insel Naxos zurück und segelt eiligst mit seinen Männern davon. Unverschämt, nachdem sie ihm geholfen hatte mit dem "Ariadnefaden" den Minotaurus zu besiegen. Aber warum? Da unterscheiden sich die antiken Quellen. War sie zu eifersüchtig? War Theseus nie richtig verliebt? Oder aber war sie bereits dem Weingott Bacchus zugedacht? Gerade in der tiefen Sehnsucht nach dem davonsegelnden Liebsten wird Ariadne von einem wilden Festzug besucht, der von rechts figurenreich ins Bild kommt. Sie dreht sich um - und ist hingerissen. Ihre Blicke treffen nun auf den des schönen Weingott Bacchus, der sich augenblicklich in die Schöne verliebt. Auch sie ist hingerissen. Sogleich nimmt er ihr Diadem, schleudert es gen Himmel und lässt daraus das Sternbild der Nördlichen Krone entstehen (oben links).

Diese eigentlich intime Szene der "Liebe auf den ersten Blick" wird von Titian, nicht ohne Humor, in eine Szene großer Dynamik übersetzt. Ariadne ist in einer Drehung, die die Unmittelbarkeit der Begegnung unterstreicht. Ihr Körper zeigt ins Bildinnere, wobei Bacchus sich zum Betrachter aufdreht. Die Gewänder unterstützen dabei die Drehungen und Bewegungen. Er ist in einer bewegten Wurfstellung zu sehen, sein Gewand flattert im Wind. Der kräftige, bärtige Mann daneben ist der antiken Laokoon-Gruppe entlehnt, die 1502 in Rom entdeckt und bewundert wurde. Der Versuch, die Schlange vom Körper zu entfernen, gibt ein ausgiebiges Muskelspiel preis. Der Gott des Weines ist im Gefolgschaft seiner Anhänger zu sehen, mit denen er soeben einen Spaziergang machte. So ist am rechten Rand ein betrunkener Satyr zu sehen. Er hat einen Kranz aus Weinblättern um und schwingt eine Kalbskeule über dem Kopf. Tierschützer sind die Dargestellten nicht, denn auch der Kopf des Tieres wird achtlos von dem kleinen Satyr gezogen; hier geht es eher grob zu. Lustvoll treffen sich die Blicke des Satyrs und der Mänade, die, wie andere, den Zug durch Rhythmusinstrumente begleitet. Im Hintergrund schläft der dicke und betrunkene Silenus auf einem Esel. Der Zug wird auch von weiteren Tieren begleitet. Zwei Geparden ziehen zudem den Festwagen, auf dem sich Bacchus befindet. Normalerweise finden wir (laut Ovid) Tiger vor, oder Leoparden, diese verweisen auf die Verehrung des Gottes bis nach Indien. Hier wird vermutet, dass der Auftragsgeber Herzog Alfonso I. d'Este aber Geparden besaß, so dass Titian vom lebenden Modell malen konnte. Der King Charles Spaniel ist weniger wild, aber ein typisches Motiv von Titian, der die Rasse aus Adelshäusern kannte. Womöglich war dies der Haushund des Herzogs.


Das chaotisch anmutende Bild ist wohl komponiert. Es besteht aus zwei Diagonalen, die auf die links stehende Ariadne zulaufen. Am unteren Bildrand, in dem umgefallen Pokal, hat Tizian, der bedeutendste venezianische Maler seiner Zeit, seine Signatur versteckt. Die etwas helleren Hauptfiguren sind mit der Intimität ihrer Blicke der lauten Gefolgschaft rechts gegenübergestellt.


Entstanden ist das Werk für Alfonso I. d’Este, den dritten Herzog von Ferrara zwischen 1520 und 1523. Mitsamt drei weiteren Gemälden, die ursprünglich Auftragsarbeiten für anderen Künstler wie Michelangelo und Raffael waren, aber aus verschiedenen Gründen nicht ablieferten, sah Titian, gerade Anfang 30, hier eine Möglichkeit die anderen Künstler auch zu übertreffen und sich einen Namen zu machen. Es gehört daher zu seinen detailreichsten und bedeutendsten Gemälden.


Tizian - Bacchus und Ariadne

Öl auf Leinwand, um 1520 – 1523, 176,5 x 191 cm, National Gallery in London


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