Jacopo Tintoretto - Die Entstehung der Milchstraße

von Alexandra Tuschka

In einem himmlischen Bett hatte Juno gerade noch geschlafen, als sie ein Zwicken in ihrer Brust spürt. Als sie erwacht, bemerkt sie, dass niemand anderes als ihr eigener Ehemann ein fremdes Kind zum säugen an ihre Brüste gehalten hat. Der Junge ist durstig und trinkt gierig. Sie weicht heftig zurück. Aus dieser Bewegung heraus spritzt ihre Milch in beide Richtungen. Nach oben – hier entsteht die Milchstraße. Nach unten – hier entstehen weiße Lilien.

Der Junge, um den es hier geht, ist das uneheliche Kind von Jupiter mit der sterblichen Alkmene – sein Name ist Herkules und den meisten von uns bekannt. Jupiter wollte dem Kind Unsterblichkeit zuteilwerden lassen; dies war nur durch die Milch seiner eifersüchtigen Frau Juno möglich. Er wusste: freiwillig würde sie das Kind niemals annehmen. Also entschloss er sich zu dieser List.


Erkennbar sind die beiden Protagonisten für uns als Betrachter gut an ihren Attributen. Wir erkennen Juno als Himmelsgöttin auf einem recht weltlichen Bett, das aber von Wolken getragen wird. Ihre Attributstiere, die Pfauen sind rechts zu sehen. Jupiter hingegen kommt mit seinem Adler ins Bild, dieser trägt ein Objekt mit Blitzen. Vier kleine Putti beleben die Szene, sie scheinen aus allen Himmelrichtungen zu kommen und tragen hochsymbolische Gegenstände: Pfeil und Bogen der Liebe, von denen man getroffen werden kann, die Fackel der Leidenschaft, das Netz der Täuschung und die Ketten der Ehe. In diesen Symbolen werden beide Seiten der Liebe thematisiert: die guten und die schlechten. Freilich sind die vier Gestalten auch mit den Elementen zu assoziieren, von links im Uhrzeigersinn Erde (Ketten), Wasser (Netz), Luft (Pfeil) und Feuer (Fackel). Die gesamte Szene ist belebt und unterstreicht die Plötzlichkeit des Momentes. Juno ist nackt, durch den Schreck verdreht sie den Körper und gibt ihn gleichsam dem Betrachter frei. Durch die clevere Wahl dieser Körperhaltung, die einerseits noch zu liegen scheint, andererseits aber in der Abwehr befindlich ist, gelang es dem Künstler, die beiden Richtungen der Milch logisch zu veranschaulichen. Nur so können wir nachvollziehen, dass eine Brust sozusagen nach "unten" zeigt, eine andere aber nach "oben". Tintoretto arbeitet mit kräftigen Farben und allerhand Drehungen, auch in den Körpern der anderen Personen und den kleinen Engeln. Jupiter ist von hinten zu sehen, ebenso wie das Kleinkind.

Die mythologische Szene zeigt, wie der Titel auch verrät, eine Version der in der Antike verbreiteten Annahme über die Entstehung der Milchstraße. Damals – und auch zu Tintorettos Zeiten – war noch nicht bekannt, dass die Milchstraße aus unzähligen Sternen besteht, sie wirkte auf den Betrachter wie eine zusammengehörige, verwaschene, ja eben "milchige" Fläche. Auch der griechische Name „galaxías“ beruht auf dieser Geschichte und bedeutet wörtlich übersetzt „der milchige Sternennebel“.


Es ist anzunehmen, dass auch die Lilien einst im Originalwerk am unteren Rand enthalten waren und später beschnitten wurden. Zieht man eine zeitnahe Kopie von Jacob Hoefnagel heran, sind diese gut zu erkennen. Auch eine weitere Person, vermutlich die Geliebte Alkmene, vielleicht aber auch eine Personifikation der Erde, ist nun am Boden zu sehen. Hier wird nun auch der sternenförmige Aufbau der Kompositen deutlich, bei der die vier Engel wie aus allen Seiten heranzuströmen scheinen.


Durch eine Röntgenaufnahme war zu sehen, dass das Werk zu großen Teilen übermalt wurde, und man vermutet, dass dies an einer Änderung des Auftraggebers lag. Der erste war vermutlich der italienische Arzt Tomasso Rangone, welcher mit teilweise ominösen Produkten und Methoden zu großem Ruhm kam. Er war ein bedeutender Förderer und Auftraggeber Tintorettos.

Ausschlaggebend für diese Vermutung ist, neben der nachweislichen Nähe beider Männer, dass Rangone diese Geschichte als sein Wappen wählte. Eine von Rangone geprägte Münze zeigt dasselbe Motiv. Tomasso kam aus ärmlichen Verhältnissen und wurde vermutlich adoptiert. Dies mag auch der Grund für seine Affinität zu dem seltenen Motiv gewesen sein, denn die Geschichte der Säugung Herkules ist ebenso ein erster antiker Adoptionsmythos - wenn es auch wider Willen geschah.


Rangone starb 1577, so dass vermutet wird, dass sich nun ein neuer Auftraggeber finden musste, der Anpassungen am Motiv verlangte. Die fertige Version wurde an den Habsburger Kaiser Rudolf II. in Prag verkauft. Die Habsburger hatten schon lange den Herkules als Vorbild für einen schützenden und gerechten Herrscher in der Familientradition verankert. Rudolf II. hatte zwar Probleme, diesem Vorbild in seinem Leben zu folgen, war aber nichtsdestotrotz ein Feingeist und Förderer sowie Sammler der schönen Künste. So begann er Ende der 1570er Jahre seiner Sammelleidenschaft nachzugehen. In diesem Werk gibt es einige Elemente, die den Kaiser wohl besonders gereizt haben könnten, neben dem Akt der schönen Juno selbstverständlich. Hier würde nun auch das ungewöhnliche Objekt in den Krallen des Adlers eine weitere Deutung eröffnen. Ist hier vielleicht ein Krebs zu sehen, das Sternzeichen des Herrschers, der am 18. Juli 1552 geboren wurde? Und meinen zwei der Putti mit ihren Gegenständen andere Sternzeichen, das Netz den Wassermann; Pfeil und Bogen den Schützen? Ebenso stehen diese nämlich am Himmel. Die große Nähe des Kaisers zur Astrologie ist bekannt und zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Rudolf sein Geburtsdatum und damit auch sein Sternzeichen willkürlich verlegen ließ, vom Unheil prophezeienden Krebs zum glücksverheißenden Steinbock.


Auch ein Bezug zur Alchemie kann in dem Bild gelesen werden, was nachweislich eine weitere Leidenschaft Rudolf II. war. Das Werk thematisiert schließlich die Verwandlung einer Materie in eine andere, und auch die sogenannte „Jungfrauenmilch“ spielte in der Alchemie eine Rolle. Der Zusammenhang zwischen dem Mikrokosmos Mensch und dem Makrokosmos, der ihn umgibt, wird hier deutlich zum Ausdruck gebracht. Auch die Unsterblichkeit, die ja letztlich die Motivation für die List in dieser Geschichte war, ist ein erklärtes Ziel bestimmter Alchemistischer Methoden und wohl ein ewiges der Menschheit.


Jacopo Tintoretto - Die Entstehung der Milchstraße

Öl auf Leinwand, 1577 - 1582, 149,4 x 168 cm, National Gallery, London


Jacob Hoefnagel (?) - Die Entstehung der Milchstraße, Kopie nach Tintoretto

Zeichnung, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett, Berlin


Matteo Pagano (?) - Münze von Tomasso Rangone - Profil und Säugung des Herakles

Gußmedaille, 1562


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