Gustave Caillebotte - Straße in Paris an einem Regentag

von Alexandra Tuschka


Dass hier ein Regentag gemeint ist, wird uns schnell klar. Fast alle Menschen auf diesem Gemälde tragen einen dieser grauen, austauschbaren Regenschirme. Mal haben sie zu zweit, wie das Pärchen vorne, unter diesem Platz gefunden, mal sind sie alleine unterwegs. Diese beiden sind die einzigen, die uns entgegen kommen. Die Frau hat sich beim Mann eingehakt, beide schauen interessiert nach links. Nun muss der Mann, der ihnen entgegenkommt ausweichen. Er versucht noch, dass sich die Schirme nicht in die Quere kommen. Aber womöglich wird sein Ellenbogen die hübsche Dame noch berühren. Die Kutscher wiederum müssen mit ihrem Zylinder vorlieb nehmen, der ist gerade in Mode, wie wir sehen, sowieso sind fast alle Abgebildeten hier todschick in dunklen Kleidern unterwegs und zeichnen sich als Mitglieder der höheren Bürgerschicht aus. Nur eine Arbeiterin und ein Handwerker im rechten Hintergrund bilden Ausnahmen. Der Boden schimmert und zeigt an, dass der Regen eine Weile angehalten hat. Ein Gebäude mit starken Fluchtlinien zieht den Blick in die Tiefe des Bildes. Dass wir in Paris am "Place de Dublin" sind, erkennt nur, wer diese Ecke identifizieren kann. Es fehlen deutliche Hinweise, so dass man davon ausgehen kann, dass Caillebotte Paris mehr in seinem Flair einfangen wollte, als diese Ecke identifizierbar zu machen. Eine grüne Laterne trennt fast unbemerkt die Bildhälften voneinander. Sie ersetzt nur mit viel Phantasie ein wenig natürliches Grün im Bild. Kein Blümchen oder Baum lockert die Asphaltwüste auf. Im rechten Teil herrscht zudem ein leicht versetzter Fluchtpunkt. Auch bremsen die beiden Figuren rechts den Blick und stehen damit kompositorisch in Kontrast mit der weiten Ansicht auf der anderen Bildhälfte. Auch kann man das Bild horizontal in der Mitte teilen, so dass klar wird, wie stark dieses Gemälde durchkomponiert wurde (was auch zahlreiche Vorstudien und Skizzen belegen).

Das Gemälde hat eine Größe von 212,2 x 276 cm und lässt somit die lebensgroßen Figuren auf den Betrachter zulaufen. Stoßen auch wir gleich mit ihnen zusammen? Die Isolation aller Figuren wird durch die fehlende Interaktion (obwohl die Dame sich einhakt) und auch die Abstände zwischen den Figurengruppen betont. Das matte Rot der rechten Häuserwand kann fehlende heitere Farbakzente nicht ersetzen und so bleibt der Gesamteindruck eben "grau", und drückt damit treffend die Stimmung eines tristen Regentages aus, den wir alle schon kennengelernt haben.


Dies ist in vielerlei Hinsicht ein bedeutendes Werk der Kunstgeschichte. Obwohl es nicht "typisch impressionistisch" erscheint, sind doch das Festhalten eines beiläufigen Momentes, das Einfangen einer Regensituation draußen, der Humor in der kleinen Szene rechts Neuerfindungen dieser Zeit. Das Einfangen der Stimmung des Lichtes nach und während eines Schauers ist hingegen ein übliches Motiv der Impressionisten. Das Anschneiden der Figuren und das fehlende historische oder edle Thema des Werkes waren Kontraste zur starren Lehre der Akademien. Im Gegensatz zu seinen Malerkollegen blieb Caillebotte hingegen der Linie und den klaren Umrissen treu. Die Nähe zur Fotografie wird auch in diesem Werk deutlich und ist wohl dem Einfluss Caillebottes Bruder Martial geschuldet, der ambitionierter Amateurfotograf war. Durch diese Kombination neuartiger Elemente mit naturnaher Darstellung erntete er bei der dritten Ausstellung der Impressionisten 1877 große Bewunderung.


Auch hält Caillebotte hier Zeitgeschehen fest. Der Regenschirm wurde gerade erst erfunden, die dargestellte Mode entspricht dem angesagten Stil in Paris 1877 und auch die klaren Linien der Straßen sind das Ergebnis städtebaulicher Maßnahmen dieser Zeit. Die mittelalterlichen Straßen wurden ab 1853 unter der Leitung

Georges-Eugène Haussmann in großzügige Boulevards umgeformt, die das Stadtbild heute noch prägen. Statt sich in kleinen, verwinkelten Gassen aneinanderzudrängen, konnten Passanten auf großzügigen und breiten Bürgersteigen flanieren. Somit kann man sagen, dass das Werk das Lebensgefühl Paris Ende des 19. Jahrhunderts eingefangen hat, schnappschussartig, jedoch, bevor die Fotografie im Stande war, Schnappschüsse überhaupt herzustellen. Zwischen 1875 und 1880 entstanden ungefähr 50 solcher Parisansichten. Sie zeigen einerseits die schöne Architektur und die Mode der Upper-Class, andererseits aber auch oft eine gewisse Isolation.


Gustave Caillebotte - Straße in Paris an einem Regentag

Öl auf Leinwand, 1877, 212,2 x 276 cm, Art Institute, Chicago


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