Eugène Delacroix - Junges Waisenmädchen auf dem Friedhof

von Alexandra Tuschka

Was ist dort oben rechts, was das junge und hübsche Mädchen so ansieht? Fast sieht sie ein bisschen erschrocken aus. Sie ist kein Kind mehr, aber auch noch keine Frau - wir sehen ein junges hübsches Mädchen mit vollem dunklen Haar, locker im Nacken zusammengesteckt. Ein paar Locken haben sich gelöst. Schmuck trägt sie keinen, nur ein einfaches Kleid aus einem weißen Oberteil und grünem Rock ist zu sehen, alles ein wenig verrutscht. Die freigelegte Schulter ist nicht ohne erotischen Reiz, verstärkt aber die Leserichtung des Bildes ebenfalls nach oben rechts. Der Hintergrund nimmt der vorderen Szene allerdings jegliche mögliche Leichtigkeit. Gräber und Kreuze pflastern den Boden, einige davon sind umgestürzt. Bei näherem Hinsehen mögen wir auf der Wange des Mädchens eine Träne entdecken. Die Farbwahl beschränkt sich auf trübe Braun- Grün- und Gelbtöne, welche die düstere und trostlose Stimmung verstärken. Das ganze Werk wirkt in ein abendliches Dämmerlicht getaucht. Dieses Frühwerk von Delacroix lässt die Dynamik und die warmen Farben vermissen, die er nach seiner Marokko- Reise im Jahr 1832, also ca. 8 Jahre nach diesem Werk, annahm.

Als Gesamteindruck vermittelt das Gemälde den Eindruck von Melancholie absoluter Einsamkeit. Die zahlreichen Verweise auf die namenlosen Toten im Hintergrund ist der Jugend des Mädchens gegenübergestellt. Nichts an ihr sitzt mehr richtig - warum auch? - könnte man sich fragen, wenn sie doch - wie der Bildtitel sagt - als Waise ihre Eltern bereits überlebt hat. Der Blick nach oben wird manchmal als Suche nach Gott oder das Infragestellen der göttlichen Fügung gelesen. Auch sehen bis heute viele Kunsthistoriker in dem Werk eine Vorstudie zu dem viel größeren und figurenreichen Gemälde "Das Massaker von Chio"s , welches 1824, also vermutlich im selben Jahr, entstand und am linken Bildrand eine recht ähnliche Frauengestalt zeigt. Bei ihr handelte es sich um eine vom Künstler engagierte Bettlerin, die ganz ähnlich angeordnet, aber mit geschlossenen Augen erscheint. Auch wirkt diese Figur fraulicher. Bei dem "Jungen Waisenmädchen auf dem Friedhof" finden wir im Kontrast zu der detailreichen und sorgfältig ausgeführten Vorderfigur, den Hintergrund recht unscharf vor. Dies untermauert die These.


Wie dem auch sei, das Werk steht schon lange für sich und wird auch von zeitgenössischen Künstlern oft kopiert und zieht den Betrachter im Louvre in seinem Bann. Die Aussparung des Elements, welches die junge Waise so erschreckt und traurig macht, vermag es, den Bertachter in psychologischer Spannung zu halten. Jeder ist angehalten, das Motiv zu Ende zu denken: befindet sich dort noch Jemand oder geht es um eine innere Regung?


Eugène Delacroix - Junges Waisenmädchen auf dem Friedhof

Öl auf Leinwand, 1823-24, 66 x 54 cm, Musée du Louvre, Paris


Eugène Delacroix - Das Massaker von Chios

Öl auf Leinwand, 1824, 419 x 354 cm, Musée du Louvre, Paris


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