El Greco - Ansicht von Toledo

von Alexandra Tuschka

Betrachtet man dieses Werk von El Greco, könnte man intuitiv meinen, es sei mit seinen abstrakten und expressionistischen Zügen in der Moderne einzuordnen. Mitnichten! Das Werk entstand um das Jahr 1600 herum.

Dies ist eine Zeit, in welcher zwar in den Niederlanden erste autonome Landschaftsbilder entstanden, in anderen Ländern aber eine solche Tradition nicht vorhanden war. Zieht man frühe Landschaftsmalerei vergleichend heran, wird schnell klar, wie weit sich El Greco hier von der üblichen Malweise seiner Zeitgenossen abgesetzt hat. Nicht ist eine detailgetreue und realistische Nachahmung der Natur hier das Anliegen, sondern eine einfühlsame und nahezu poetische Interpretation der Stadt. Damit fügt sich das Werk in das restliche Ouevre des Künstlers gut ein, der auch stets bei seinen anderen Motiven, seien es biblische Sujets oder Portraits versuchte, das Wesen des Dargestellten einzufangen und die Realität dabei gerne einmal vernachlässigte. In Spanien gab es noch keinen Markt für reine Landschaftsmalerei, so dass dieses Werk bis zum Tod des Malers in dessen Besitz blieb und sein einziges reines Naturstück bleiben sollte. Später wurde es vom Conde de Arcos erworben, der einige weitere Werke El Grecos besaß.

El Greco reduzierte die Farbpalette auf Grün, Blau und Brauntöne und hielt die gesamten Gebäude in ähnlich monochromem Farbtönen, so dass sie heller als die Umgebung sind und fast wie das Negativ eines Fotos wirken. Vorne im Bild sehen wir bewegte Gräser und Bäume, in der Mitte den Fluss Tajo, in welchem Menschen baden. Der Flusslauf führt den Betrachterblick zur römischen Brücke von Alcántara - einige Gebäude führen nun steil nach rechts, wo Toledo erhöht auf dem Hügel liegt. Einige Staffage-Figuren sind auf dem Weg zu erkennen. Bedrohlich verdunkelt sich das Bild in der Tiefe. Auch der bewegte Himmel deutet darauf hin, dass ein Gewitter in Anmarsch ist oder gerade vorüber. Die Tageszeit ist nur schwer zu definieren. Die Badenden im Fluss sowie die Wolkendecke links wirken nach Tag, den düsteren Häusern und dem rechten Wolkenteil würden wir aber die "Nacht" ebenso abnehmen.


Wir sehen den östlichen Teil von Toledo, von Norden aus betrachtet, die Wahlheimat des Künstlers bis zum Lebensende. Geboren wurde dieser als Domínikos Theotokópoulos in Griechenland, verbrachte einige Wanderjahre in Italien und ließ sich schließlich in Spanien nieder. In diesem Werk vernachlässigte El Greco die damals vorhandenen topographischen Begebenheiten wie Stadtmauern, Tore und Gebäude, um ein Toledo zu schaffen, welches seinem emotionalen und ästhetischen Empfinden besser entspricht. Dafür verlegte er sogar den Königspalast Alcázar in diesen Teil der Stadt - eigentlich wäre er aus diesem Standpunkt nicht zu sehen. Auch rückt er den Königspalast und die Kathedrale zusammen, womöglich um auf die zwei großen Mächte in Spanien - Kirche und Staat - zu deuten.

Dieses Anliegen, einer Stadtansicht einen "verbesserten" Anstrich zu verpassen, wird später vermehrt von Vedutenmalern verkörpert. Hier dienten Stadtansichten den Reisenden wie eine Art Ansichtskarte oder Erinnerung. Canaletto bspw. belebte in diesem Bild die Themsenansicht durch viele Kirchturmspitzen, die in der Realität nicht in dieser Zahl vorhanden waren. Solche Ansichten nennen wir "Idealveduten". El Greco malte seine Toledo-Ansicht 150 Jahre früher - wohl ausschließlich für den Privatgebrauch. Somit war das Werk stilistisch und von seiner Idee her seiner Zeit weit voraus.


El Greco - Ansicht von Toledo

Öl auf Leinwand, um 1600, 121,3 x 108,6 cm, The Metropolitan Museum of Art, New York


Carel de Hooch - Italienische Landschaft mit Brücke

Öl auf Leinwand, um 1630/35, Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Alte Pinakothek, München

entnommen unter den Bedingungen der https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/


Canaletto - Ansicht der Themse

Öl auf Leinwand, 1747, Nationalgalerie, Prag

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