Anselm Feuerbach: Das Gastmahl des Plato (zweite Fassung)

von Carina Stegerwald

Im Jahr 1869 hatte Anselm Feuerbach eine erste Version des Gastmahls des Plato gemalt, die wir uns in einem anderen Text bereits angeschaut haben und nun daran anknüpfen wollen. Jene Fassung rief bei Feuerbachs Zeitgenossen überwiegend negative Reaktionen hervor, wurde jedoch direkt aus der Ausstellung von einer Malerin gekauft. Nachdem das Gemälde somit nicht mehr öffentlich zugänglich war, entschloss sich Feuerbach 1870, eine zweite zu malen. Neben dem Gesichtspunkt, sein ideologisches Hauptwerk dem Publikum zurückzugeben, wollte er Figuren berichtigen und durch kompositorische Korrekturen eine leichtere Lesbarkeit des Bildes herbeiführen. Darüber hinaus war es ihm ein Anliegen, auf die zuvor geübte Kritik zu reagieren und das Gemälde mit dekorativen Elementen sowie einer kräftigeren Farbigkeit zu versehen. Nicht unwichtig scheint hierbei die Rolle seines jüngeren Konkurrenten Hans Makarts gewesen zu sein, den Feuerbach zunächst auch für seine Dekor-überbordenden Gemälde bewunderte, ihn jedoch übertreffen wollte.

Obwohl die beiden Versionen des Gemäldes kompositorisch starke Ähnlichkeiten aufweisen, gibt es doch gravierende Unterschiede. Bereits auf den ersten Blick ist bei der zweiten Fassung (1871-1874) die wesentlich opulentere Ausschmückung offensichtlich, wodurch das Gemälde in gewisser Weise an Klarheit und Struktur verlor. Gleichzeitig fand jedoch eine Steigerung der Monumentalität der Figuren sowie eine Vereinheitlichung der Komposition statt. Letztlich sind sowohl die Architektur als auch die Personengruppen kompakter gestaltet. Im Grunde wird der Betrachter nun mehr in die Darstellung einbezogen, indem der Raum und die Figuren näher an ihn heranrücken und das Gemälde auf diese Weise außerdem an Konkretheit gewinnt. Weitere Unterschiede zeigen sich hinsichtlich der Modellierung der Figuren, dem Bildpersonal sowie der Farbwahl.


Umrahmt wird die Szenerie von einem mächtigen gemalten und mit Eierstab verzierten Gold-rahmen. Reichlich behängt mit plastisch wirkenden Blumen- und Fruchtgirlanden, Schmetterlingen, Bukranien, Muscheln, Masken sowie Leiern setzt er das Gemälde fort. Spannend ist der Rahmen vor allem deshalb, da einerseits ein Teil in das eigentliche Bild hineinragt und andererseits Gegenstände aus dem Gemälde den Rahmen überschneiden beziehungsweise auf diesem aufliegen. Dadurch wird die Abgrenzung des Bildinneren und letztlich die Logik des Bildes in Frage gestellt. Eine weitere wichtige Funktion, die der Rahmen übernimmt, ist die der Gliederung.

Lediglich zwei Wochen wurde die zweite Fassung ausgestellt, wobei die wenigen, in der kurzen Zeit verfassten Kritiken überwiegend positiv ausfielen. Bewunderung riefen dabei insbesondere die Verbesserung des Kolorits und der gemalte Rahmen hervor. Damit führten Feuerbachs Zugeständnisse an das Publikum unter Beibehaltung seiner Prinzipien zum erhofften Erfolg. Ob die Anpassung an den Zeitgeist, die Öffentlichkeit sowie letztlich auch an seinen Konkurrenten Hans Makart als legitim und sogar notwendig oder als Selbstverrat angesehen wird, war umstritten. Wichtig erscheint in jedem Fall eine Unterscheidung zwischen jenen, dem Publikum geschuldeten (Farbigkeit, Dekoration, Aufgabe des klaren Aufbaus) und den ideologischen Veränderungen (Neupositionierung der Personen und zusätzliche Bildebenen durch den Rahmen).

Eine interessante Komponente, die in der zweiten Fassung hinzukam, ist die der Siegesgöttin Victoria in der Wandnische. Im Zusammenhang mit Preußens damaligem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg scheint sie dem Bild eine deutschnationale, patriotische Note hinzuzufügen. Darüber hinaus könnte Victoria als Verweis auf die damalige Gegenwart, also auf die Realität, und damit als ein entgegenwirkendes Element zur Zeitlosigkeit gedeutet werden, die in der ersten Fassung von zentraler Bedeutung war. Um nicht nur die Flüchtigkeit des Moments, sondern den Zustand der Dauer darzustellen, wählte Feuerbach damals eine starke Grautonigkeit. Dass seine Bilder ewigwährende Gültigkeit besitzen sollten, zeigt auch seine folgende Aussage: „Ein Historienbild soll aber in einer Situation ein Leben darstellen, es soll vor- und rückwärts deuten und in und auf sich selbst beruhen für alle Ewigkeit. Alte Geschichten, die jeden Tag neu werden!“[1].


Ist also die zweite Fassung aufgrund des malerischen, pompöseren Stils und dem Zusatz an Zeitgeist weniger zeitlos? Hat es am Ende an Tiefgründigkeit verloren? Oder steckt womöglich gerade in Feuerbachs letztem Satz „Alte Geschichten, die jeden Tag neu werden!“ der Schlüssel zum Verständnis der zweiten Fassung? Denn während die Zeitgenossen vor allem aufgrund der Farbigkeit kaum Zugang zur ersten Version fanden, wurde ihnen dieser in der zweiten mithilfe der veränderten äußeren Gestaltung zumindest erleichtert. Diesen Gedanken der vereinfachten Lesbarkeit hatte Feuerbach schließlich selbst als einer der Gründe für eine neue Fassung angeführt.


In den Jahrzehnten danach wandelte sich die positive Bewertung des Gemäldes ins Gegenteil um. So bewerten bis heute viele Kunsthistoriker die zweite Version nicht nur als weniger zeitlos, sondern auch als inhaltlich weniger wertvoll und qualitativ schwächer. Doch einerseits handelt es sich bei dieser Diskussion letztlich um eine Frage des persönlichen Geschmacks und andererseits ist zu überlegen, ob die zweite Fassung möglicherweise sogar einen neuen Inhalt formulierte, wie der Aspekt Zeitlosigkeit vs. Aktualität. Eine neue Sinnesebene könnte zudem die mögliche Verbindung zwischen der Rahmengestaltung und dem Aufbau des platonischen Dialogs darstellen. Platon kannte die Geschichte rund um das Gastmahl nur durch mündliche Berichte und machte die in sich verschachtelte Wiedergabe durch verschiedene Personen mit Hilfe von Konjunktiv und indirekter Rede sichtbar. Letztlich könnte der Rahmen mit dem Innen-Außen-Aspekt als Verweis auf die gestaffelte, etwas undurchsichtige Konstruktion von Platons Erzählung gesehen werden. Zum anderen gab Feuerbach der zweiten Fassung durch diverse auf sein Œuvre hinweisende Zitate – darunter Iphigenie, Amazonenschlacht und Ruhende Nymphe – eine Art werkimmanenten Denkmalcharakter. Und als Denkmal hatte er das Gemälde schließlich geplant.


Wichtig ist vor allem, beide Gemälde hingehend ihrer Bedeutung für Feuerbach und seiner Lebensumstände beziehungsweise seines Œuvres zu betrachten. Denn während das erste Gastmahl des Plato in der Tat geradezu den Inbegriff der klassischen Phase der 1860er Jahre darstellt, beschließt die zweite Version jene Phase und steht für den Beginn der Spätphase der 1870er Jahre. Dass sich Feuerbachs Weiterentwicklung anhand zwei so identischer Darstellungen aufzeigen lässt, sollte als Glücksfall gesehen werden.

[1] Leitmeyer 2002, S. 25.


Literaturverzeichnis: Ahlers-Hestermann, Friedrich: Anselm Feuerbach. Das Gastmahl des Platon. Der Kunstbrief. Bd. 16. Berlin [1944]. Arndt, Maria Benedicta: Die Zeichnungen Anselm Feuerbachs. Studien zur Bilderentwicklung. Bonn 1968. Ecker, Jürgen: Anselm Feuerbach. Leben und Werk. Kritischer Katalog der Gemälde, Ölskizzen und Ölstudien. München 1991. Ecker, Jürgen: Poesie und Vernunft. In: Leitmeyer, Wolfgang: Anselm Feuerbach. Ausstellungskatalog. Ostfildern-Ruit 2002, S. 31-56. Keisch, Claude: Um Anselm Feuerbachs Gastmahl. Ausstellungskatalog. Berlin 1992. Lehmann, Doris: Historienmalerei in Wien. Anselm Feuerbach und Hans Makart im Spiegel zeitgenössischer Kritik. Köln (u.a.) 2011. Leitmeyer, Wolfgang: Anselm Feuerbach. Ausstellungskatalog. Ostfildern-Ruit 2002. Mai, Ekkehard: Anselm Feuerbach (1829-1880). Ein Jahrhundertleben. Köln; Weimar;